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Kapitel 3 - Digitale und digitalisierte Geschäftsmodelle

HM
by Hanna M.

3.1 Kernkomponenten eines Geschäftsmodells

Jedes Geschäftsmodell lässt sich durch drei zentrale Fragen beschreiben:


1. Was bieten wir an?

→ Nutzenversprechen (Value Proposition)

Das Nutzenversprechen beschreibt:

  • welches Problem gelöst wird

  • für welche Kundengruppe dies geschieht

  • welchen konkreten Nutzen Kund:innen erhalten

Beispiel:

Ein Online-Sprachlernportal bietet:

  • flexibles Lernen

  • ortsunabhängigen Zugriff

  • keine Bindung an feste Kurszeiten


2. Wie erzeugen wir den Nutzen?

→ Wertschöpfungsarchitektur

Die Wertschöpfungsarchitektur umfasst alle Elemente, die notwendig sind, um das Nutzenversprechen umzusetzen:

  • Aktivitäten

  • Ressourcen

  • Partner

Dazu gehören:

  • interne Prozesse

  • Zusammenarbeit mit Zulieferern

  • Zusammenarbeit mit Dienstleistern


3. Wie verdienen wir Geld?

→ Erlösmodell

Das Erlösmodell beschreibt, wie Einnahmen erzielt werden.

Mögliche Formen:

  • direkter Produktverkauf

  • Abonnementgebühren

  • Werbeeinnahmen

  • Provisionen aus vermittelten Transaktionen


Geschäftsmodell als Verbindung zwischen Strategie und Taktik

Das Geschäftsmodell wird als:

  • konzeptionelle Darstellung der Wertschöpfung (value creation)

  • und der Wertaneignung (value capture)

verstanden.

Abgrenzung:

  • Strategien bestimmen, wo und wie Wettbewerb betrieben wird

  • Taktiken betreffen konkrete Maßnahmen

  • das Geschäftsmodell vermittelt zwischen beiden


Business Model Canvas (BMC)

  • Zur strukturierten Analyse wird das Business Model Canvas nach Osterwalder & Pigneur (2010) verwendet.

  • Das Canvas visualisiert ein Geschäftsmodell übersichtlich auf einer Seite.


3.1.1 Die neun Bausteine des Business Model Canvas

Kundensegmente

  • Welche Kundengruppen werden angesprochen?

Nutzenversprechen / Wertangebot / Werteversprechen

  • Welcher Nutzen wird den Kundengruppen geboten?

Kanäle

  • Über welche Wege werden Kund:innen erreicht?

  • Wie wird das Angebot bereitgestellt?

Kundenbeziehungen

  • Welche Art von Beziehung wird zu den Kundengruppen gepflegt?

Einnahmequellen

  • Wofür zahlen Kund:innen?

  • Wie erfolgen die Zahlungen?

Schlüsselressourcen

  • Welche wichtigen Ressourcen werden benötigt?

Schlüsselaktivitäten

  • Welche zentralen Aktivitäten sind notwendig?

Schlüsselpartnerschaften

  • Mit welchen Partnern wird zusammengearbeitet?

Kostenstruktur

  • Was sind die wichtigsten Kostentreiber?



Zusammenhang der drei Kernkomponenten mit dem Canvas

1. Nutzenversprechen

Im Canvas zentral dargestellt:

  • als „Value Proposition“ in der Mitte

Es beschreibt:

  • welchen konkreten Nutzen das Unternehmen bietet

  • welche Probleme gelöst werden

  • welche Bedürfnisse befriedigt werden

2. Wertschöpfungsarchitektur

Verteilt sich im Canvas auf mehrere Bausteine:

  • Schlüsselaktivitäten

  • Schlüsselressourcen

  • Schlüsselpartnerschaften

  • Kundenbeziehungen

  • Kanäle

  • Kundensegmente

Diese Elemente bilden gemeinsam die operative Architektur, durch die:

  • das Nutzenversprechen realisiert wird

  • und beim Kunden ankommt

3. Erlösmodell

Wird im Canvas durch zwei Finanzbausteine dargestellt:

  • Einnahmequellen

  • Kostenstruktur

Einordnung der Abbildung (Abbildung 6)

Die Abbildung zeigt die Struktur des Business Model Canvas und ordnet die neun Bausteine den drei Kernbereichen zu:

Architektur der Wertschöpfung

(linke und mittlere Bereiche)

Enthält:

  • Key Partners

  • Key Activities

  • Key Resources

  • teilweise Customer Relationships und Channels

Nutzenversprechen

(Mitte des Modells)

  • Value Proposition steht zentral

  • verbindet Wertschöpfung und Kundenseite

Kundenseite / Wertrealisierung

(rechte Seite)

Enthält:

  • Customer Relationships

  • Channels

  • Customer Segments

Erlösmodell

(unterer Bereich)

Besteht aus:

  • Cost Structure

  • Revenue Streams

Die Darstellung verdeutlicht:

  • wie alle Bausteine zusammenhängen

  • wie aus Ressourcen und Aktivitäten ein Wertangebot entsteht

  • und wie daraus Einnahmen generiert werden


3.1.2 Geschäftsmodelle als dynamische Konstrukte: Business Model Innovation (BMI)


Grundidee

Das Business Model Canvas zeigt, wie ein Geschäftsmodell aktuell funktioniert.

  • Es zeigt nur eine Momentaufnahme eines Geschäftsmodells

Es beschreibt zum Beispiel:

  • wie ein Unternehmen Wert schafft

  • für wen es Wert schafft

  • wie es Geld verdient

Aber: Für digitale Transformation reicht diese Momentaufnahme nicht aus.

Geschäftsmodelle sind nicht statisch, sondern verändern sich durch:

  • neue Technologien

  • Marktveränderungen

  • neue Kundenerwartungen

  • Regulierung

Hier setzt Business Model Innovation, kurz BMI, an.

Merksatz: Das Canvas beschreibt ein Geschäftsmodell. BMI beschreibt, wie es verändert wird.



Definition von Business Model Innovation

Definition von Business Model Innovation

Business Model Innovation bedeutet:

Ein Unternehmen verändert zentrale Elemente seines Geschäftsmodells oder die Beziehungen zwischen diesen Elementen.

Wichtig ist:

  • Es geht nicht nur um kleine Verbesserungen.

  • Es geht um echte Veränderungen der Wertschöpfung.

  • Auch das Zusammenspiel der Bausteine kann sich verändern.

Einfach gesagt: BMI bedeutet, dass ein Unternehmen neu überlegt, wie es Wert schafft und Geld verdient.



Drei Veränderungsgrade von Business Model Innovation

1. Component-Level-Innovation

Hier wird nur ein einzelner Baustein des Geschäftsmodells verändert.

Die Grundstruktur bleibt gleich.

Beispiele:

  • neues Wertversprechen

  • zusätzlicher Erlöskanal

  • neuer Kundenzugang

Merksatz: Component-Level = ein Baustein wird verändert.


2. Architectural Innovation

Hier verändert sich das Zusammenspiel mehrerer Bausteine.

Zum Beispiel spielen anders zusammen:

  • Distribution

  • Produktion

  • Erlösmodell

  • Kundenbeziehung

Die einzelnen Elemente können ähnlich bleiben, aber ihre Verbindung verändert sich.

Merksatz: Architectural Innovation = die Architektur des Geschäftsmodells wird neu zusammengesetzt.


3. Radikale Geschäftsmodellinnovation

Die gesamte Wertlogik verändert sich.

Es entsteht eine grundlegend neue Art der Wertschöpfung und Wertaneignung.


Beispiel Netflix

Netflix zeigt die drei Stufen gut:

Component-Level

  • Einführung eines Abomodells statt Einzelzahlung pro Ausleihe

Architectural Innovation

  • Wechsel vom DVD-Versand zum Streaming

Radikale Geschäftsmodellinnovation

  • Wandel vom reinen Content-Verteiler zum eigenen Content-Produzenten

Kernidee: Netflix hat nicht nur einzelne Prozesse digitalisiert, sondern sein Geschäftsmodell mehrfach erneuert.


Business Model Innovation als Dynamic Capability


Business Model Innovation als Dynamic Capability

Nach Teece ist Geschäftsmodellerneuerung eine Dynamic Capability.

Das bedeutet:

  • eine Fähigkeit des Unternehmens, sich an Veränderungen anzupassen

  • eine übergeordnete Fähigkeit zur Erneuerung

  • wichtig für dynamische und unsichere Märkte

Einfach gesagt: Unternehmen müssen lernen, ihr Geschäftsmodell immer wieder anzupassen.


Vier zentrale Elemente erfolgreicher BMI


1. Opportunity Recognition

Unternehmen müssen neue Chancen früh erkennen.

Dazu gehört:

  • schwache Signale wahrnehmen

  • Marktveränderungen beobachten

  • neue Wertlogiken erkennen

Merksatz: Opportunity Recognition = Chancen frühzeitig erkennen.


2. Strategic Analysis unter Unsicherheit

Neue Geschäftsmodelle werden nicht nur mit klassischen Kapitalwertrechnungen bewertet.

Zusätzlich wichtig:

  • Experimente

  • Prototypen

  • Pilotprojekte

Ziel:

  • ausprobieren, testen, lernen

Merksatz: Neue Geschäftsmodelle müssen praktisch erprobt werden.


3. Implementation

Neue Geschäftsmodelle müssen auch wirklich umgesetzt werden.

Problematisch sind oft:

  • bestehende Strukturen

  • Widerstände

  • alte Routinen

  • Pfadabhängigkeiten

Eine mögliche Lösung ist strukturelle Ambidextrie.

Das bedeutet:

  • bestehendes Geschäftsmodell und neues Geschäftsmodell werden zeitweise getrennt organisiert

Merksatz: Implementation = Innovation trotz Widerständen umsetzen.


4. Scaling & Refinement

Wenn ein neues Modell funktioniert, muss es:

  • skaliert

  • verbessert

  • angepasst

werden.

Wichtig dafür sind:

  • Feedback-Schleifen

  • Lernen aus Erfahrungen

  • kontinuierliche Anpassung

Merksatz: Scaling & Refinement = erfolgreiches Modell ausbauen und weiterentwickeln.


Warum scheitert Business Model Innovation häufig?

Chesbrough (2010) nennt typische Barrieren:

Konflikt mit bestehendem Geschäftsmodell

Neue Modelle können bestehende Einnahmen gefährden.

Das nennt man:

  • Kannibalisierung

Beispiel: Ein neues digitales Angebot ersetzt ein bisher profitables altes Angebot.

Kognitive Frames

Unternehmen denken oft in alten Mustern.

Typische Denkweise:

  • „So funktioniert unsere Branche eben.“

Das kann Innovation blockieren.

Asset-Spezifität

Unternehmen haben oft schon viel in bestehende Strukturen investiert.

Zum Beispiel in:

  • Maschinen

  • Prozesse

  • Systeme

  • Vertriebskanäle

Dadurch fällt es schwer, alte Logiken aufzugeben.

Organisationale Politik

Interne Konflikte können BMI erschweren.

Zum Beispiel Konflikte um:

  • Budgets

  • Status

  • Macht

  • Kennzahlen


Besonderes Problem erfolgreicher Unternehmen

Gerade erfolgreiche Unternehmen scheitern oft an BMI.

Nicht, weil ihnen Ressourcen fehlen.

Sondern weil ihnen die Fähigkeit fehlt, sich rechtzeitig zu erneuern.

Beispiele:

  • Kodak

  • Blockbuster

Merksatz: Erfolg kann gefährlich werden, wenn Unternehmen zu stark am alten Geschäftsmodell festhalten.


Erfolgreiche Business Model Innovation braucht:

Die Meta-Analyse von Foss & Saebi (2017) nennt mehrere Erfolgsfaktoren:


Führung

  • klare Richtung

  • gleichzeitig Raum für Experimente

Organisationale Struktur

  • Flexibilität

  • Ambidextrie

  • Möglichkeit, Neues neben Bestehendem zu entwickeln

Unternehmenskultur

  • Offenheit für Neues

  • Fehlertoleranz

  • Lernbereitschaft

Dynamic Capabilities

Besonders wichtig sind:

  • Lernfähigkeit

  • strategische Agilität

  • Anpassungsfähigkeit

Open Innovation

Externe Akteure werden einbezogen, zum Beispiel:

  • Partner

  • Kund:innen

  • Expert:innen


Zentrale Aussage zur digitalen Transformation

Digitale Technologien sind nur Enabler.

Das bedeutet:

  • Sie ermöglichen Veränderung.

  • Sie ersetzen aber nicht automatisch ein gutes Geschäftsmodell.

Digitale Transformation wird erst wirksam, wenn Unternehmen fähig sind:

  • neue Wertlogiken zu erkennen

  • Ideen schnell zu testen

  • Widerstände zu überwinden

  • erfolgreiche Modelle zu skalieren


Rolle des Business Model Canvas im Kontext von BMI

Das Canvas ist im Kontext von BMI kein Endpunkt.

Es ist ein Arbeitswerkzeug.

Es hilft dabei:

  • neue Geschäftsmodelle zu entwerfen

  • Veränderungen sichtbar zu machen

  • Ideen zu testen

  • erfolgreiche Modelle in die Geschäftsarchitektur zu übertragen

Merksatz: Das Canvas beschreibt nicht nur Geschäftsmodelle, sondern kann auch helfen, sie weiterzuentwickeln.

Kurzformel

Business Model Canvas: zeigt das aktuelle Geschäftsmodell

Business Model Innovation: verändert das Geschäftsmodell

Drei Stufen:

  • Component-Level: einzelner Baustein verändert

  • Architectural Innovation: Zusammenspiel verändert

  • Radikale Innovation: gesamte Wertlogik verändert

Kernidee: Digitale Transformation gelingt nicht allein durch Technologie, sondern durch die Fähigkeit, Geschäftsmodelle kontinuierlich zu erneuern.

3.1.3 Von IT-Strategie zur Digital Business Strategy (DBS)


Grundidee

Für digitale Transformation reicht eine klassische IT-Strategie nicht mehr aus.

Früher war IT vor allem:

  • Unterstützungsfunktion

  • technische Infrastruktur

  • Mittel zur Effizienzsteigerung

Heute braucht es eine Digital Business Strategy, kurz DBS.

Merksatz: IT ist nicht mehr nur Unterstützung, sondern Teil der Unternehmensstrategie.


Definition der Digital Business Strategy

Eine Digital Business Strategy ist eine Unternehmensstrategie, die digitale Ressourcen gezielt nutzt, um Wert zu schaffen und Wettbewerbsvorteile zu erzielen.

Digitale Ressourcen sind zum Beispiel:

  • Daten

  • Plattformen

  • Software

  • digitale Kanäle

  • Ökosysteme

Einfach gesagt: DBS bedeutet, digitale Technologien strategisch für das gesamte Geschäft einzusetzen.


Ziel der DBS

Eine DBS verbindet:

  • Geschäftsmodellerneuerung

  • Organisationsgestaltung

  • Technologieeinsatz

zu einem gemeinsamen strategischen Rahmen.

Merksatz: DBS bringt Geschäftsmodell, Organisation und Technologie zusammen.


Unterschied zwischen klassischer IT-Strategie und DBS

Traditionelle IT-Strategie

Fokus auf:

  • interne Effizienz

  • Stabilität

  • Kostenreduktion

Digital Business Strategy

Fokus auf:

  • Wertschöpfung

  • Wachstum

  • Wettbewerbsvorteile durch digitale Technologien

Kurz gesagt:

IT-Strategie fragt: Wie unterstützen wir das Geschäft technisch?

DBS fragt: Wie gestalten wir das Geschäft mithilfe digitaler Technologien neu?

Vier zentrale Unterschiede einer DBS (Bharadwaj et al., 2013)

1. Scope (Reichweite)

Eine DBS umfasst das gesamte Unternehmen:

  • Kernprozesse

  • Angebote

  • Kundenschnittstellen

  • Ökosysteme

Auch externe Akteure werden einbezogen:

  • Partner

  • Entwickler

  • Marktplätze


2. Scale (Skalierung)

Digitale Angebote können oft stark wachsen.

Gründe:

  • niedrige Grenzkosten

  • hohe Skalierbarkeit

  • Netzwerkeffekte

  • Wiederverwendung von Software und Komponenten

Dadurch können überproportionale Wachstumseffekte entstehen.

Merksatz: Scale = digitale Angebote können schnell und großflächig wachsen.


3. Speed (Geschwindigkeit)

Digitale Strategien arbeiten mit höherer Geschwindigkeit.

Typisch sind:

  • kürzere Entwicklungszeiten

  • schnellere Markteinführungen

  • schnellere Strategieanpassungen

  • Pivots

Planungs- und Lernzyklen werden kürzer.

Merksatz: Speed = schneller testen, lernen und anpassen.


4. Wertquellen

Bei DBS geht es nicht nur um Effizienz.

Neue Wertquellen sind:

  • Informationsvorteile

  • Datenkapital

  • Plattformeffekte

  • Komplementoren-Effekte

Merksatz: DBS nutzt digitale Ressourcen als neue Quellen von Wettbewerbsvorteilen.


Bedeutung der DBS

Eine DBS ist keine bessere IT-Strategie.

Sie ist ein Kernbestandteil der Unternehmensstrategie.

Sie verbindet:

  • Technologieentscheidungen

  • Datenentscheidungen

  • Organisationsentscheidungen

Einfach gesagt: Digitale Strategie ist nicht Sache der IT-Abteilung allein, sondern betrifft das ganze Unternehmen.



Strukturelle Voraussetzungen einer DBS


1. Ambidextrie

Unternehmen müssen gleichzeitig zwei Dinge schaffen:

Exploit

Das bestehende Kerngeschäft effizient betreiben.

Explore

Neue Wertlogiken erforschen und testen.

Wichtig sind dabei:

  • klare Schnittstellen

  • klare Entscheidungsrechte

Merksatz: Ambidextrie = Bestehendes nutzen und Neues erkunden.


2. Rollen und Verantwortungen

Digitale Themen müssen strategisch verankert werden.

Beispiele für Rollen:

  • CDO, Chief Digital Officer

  • CPO, Chief Product Officer

Wichtig ist außerdem:

  • Product Ownership zwischen Fachbereich, Technologie und Daten

  • Governance-Gremien für Priorisierung und Portfoliosteuerung

Merksatz: Digitale Strategie braucht klare Zuständigkeiten.


3. Operative Routinen

Agile Methoden und iterative Entwicklung sind nicht Selbstzweck.

Sie dienen als:

  • Lernmechanismus

  • Entscheidungsmechanismus

Wichtig sind klare Kriterien für:

  • Start

  • Stop

  • Scale

Einfach gesagt: Unternehmen müssen wissen, wann sie eine digitale Initiative starten, beenden oder ausbauen.


4. Ökosystem-Management

Unternehmen müssen aktiv entscheiden:

  • selbst entwickeln

  • einkaufen

  • mit Partnern zusammenarbeiten

Das nennt man:

Make / Buy / Partner

Zusätzlich wichtig sind:

  • API-Regeln

  • Datenzugangsregeln

  • Partner-Incentives

  • Gestaltung von Komplementoren-Angeboten, zum Beispiel Marktplätze

Merksatz: DBS bedeutet auch, digitale Ökosysteme aktiv zu steuern.


Rolle des Business Model Canvas innerhalb der DBS

Das Business Model Canvas bleibt wichtig.

Aber:

  • nicht als fertiger Endzustand

  • sondern als Ausgangspunkt für Veränderungsschleifen

Geschäftsmodelle werden also laufend weiterentwickelt.

-> Das Business Model Canvas ist nicht nur eine Tabelle, die man einmal ausfüllt und dann ist das Geschäftsmodell „fertig“.

-> Im Kontext einer Digital Business Strategy wird das Canvas eher wie ein Experimentier- und Lernwerkzeug genutzt.


Früher könnte man sagen:

  • „Wir beschreiben unser Geschäftsmodell im Canvas.“

  • Bei digitaler Transformation reicht das aber nicht, weil sich Märkte, Technologien und Kundenerwartungen schnell verändern.

Deshalb sagt man heute eher:

  • „Wir nutzen das Canvas, um Annahmen über unser Geschäftsmodell sichtbar zu machen und dann zu testen.“

Hypothesenbasierte Weiterentwicklung

Annahmen über das Geschäftsmodell werden bewusst formuliert.

Zum Beispiel zu:

  • Wertangebot

  • Kanälen

  • Erlöslogiken

  • Schlüsselressourcen

Bsp.:

Ein Unternehmen glaubt:

  • Kund:innen wollen eine App statt Beratung vor Ort.

  • Kund:innen wären bereit, monatlich ein Abo zu zahlen.

  • Der Vertrieb über Social Media funktioniert besser als über klassische Händler.

  • Eine bestimmte Technologie ist eine wichtige Schlüsselressource.

Diese Annahmen werden getestet durch:

  • Piloten

  • Prototypen

  • Minimum Viable Offerings

Erfolgreiche Ansätze werden anschließend skaliert.

Merksatz: Das Canvas hilft, Geschäftsmodell-Ideen zu testen und weiterzuentwickeln.


Verbindung zur Digital Business Strategy

Die Digital Business Strategy gibt den übergeordneten Rahmen:

  • Welche digitalen Ressourcen nutzen wir?

  • Welche Ziele verfolgen wir?

  • Welche Märkte wollen wir erschließen?

  • Welche digitalen Geschäftsmodelle passen zu uns?

Das Canvas hilft dann, konkrete Geschäftsmodellideen innerhalb dieser Strategie zu testen.

Verbindung zu Business Model Innovation

Business Model Innovation bedeutet: Ein Geschäftsmodell wird verändert oder neu entwickelt.

Die DBS sorgt dafür, dass das nicht chaotisch passiert, sondern gesteuert:

  1. neue Idee erkennen

  2. im Canvas sichtbar machen

  3. Annahmen formulieren

  4. testen

  5. bewerten

  6. anpassen

  7. skalieren


Kurzformel

Klassische IT-Strategie: IT unterstützt das Geschäft Digital Business Strategy: digitale Technologien gestalten das Geschäft mit

DBS verbindet: Geschäftsmodell + Organisation + Technologie

Vier Unterschiede: Scope, Scale, Speed, Wertquellen

Voraussetzungen: Ambidextrie, klare Rollen, operative Routinen, Ökosystem-Management

Kernidee: Digitale Transformation braucht keine reine IT-Strategie, sondern eine Digital Business Strategy als Teil der gesamten Unternehmensstrategie.


Vier zentrale Felder der DBS (Nochmal überarbeiten)

Vier zentrale Felder der DBS (Matt et al., 2015)

Diese Felder helfen Unternehmen zu klären:

  • welche digitalen Technologien genutzt werden sollen

  • wie sich Wertschöpfung verändert

  • welche organisatorischen Anpassungen nötig sind

  • wie digitale Initiativen finanziell gesteuert werden


1. Einsatzfelder digitaler Technologien

Welche digitalen Technologien bringen dem Unternehmen strategischen Nutzen?

Beispiele:

  • Cloud ermöglicht Skalierung

  • Analytics ermöglicht Personalisierung

  • IoT ermöglicht digitale Services

Wichtig ist nicht, möglichst viele Technologien einzusetzen.

Entscheidend ist:

  • Passt die Technologie zum Geschäftsmodell?

  • Unterstützt sie die gewünschte Wertlogik?

  • Hilft sie, Kundennutzen oder Wettbewerbsvorteile zu schaffen?

Merksatz: Nicht die Menge der Technologien zählt, sondern ihre strategische Passung.

2. Veränderungen der Wertschöpfung

Digitale Technologien können verändern, wie ein Unternehmen Wert schafft.

Mögliche Entwicklungspfade sind:

  • Kanal-Erweiterung

  • Prozess-Digitalisierung

  • Produkt-Erweiterung

  • Plattform-Modelle

Beispiele

  • Kanal-Erweiterung: Verkauf zusätzlich über App oder Online-Shop

  • Prozess-Digitalisierung: interne Abläufe werden automatisiert

  • Produkt-Erweiterung: ein physisches Produkt erhält digitale Zusatzservices

  • Plattform-Modell: Anbieter und Nachfrager werden über eine Plattform verbunden

Plattformmodelle sind besonders wichtig, weil sie nicht nur eigene Wertschöpfung nutzen, sondern auch externe Wertschöpfung einbinden.

Merksatz: DBS fragt, wie digitale Technologien die Wertschöpfung verändern.


3. Strukturelle Anpassungen

Digitale Strategie braucht passende Strukturen.

Dazu gehören:

  • Organisationsstruktur

  • neue Rollen

  • Ambidextrie-Mechanismen

  • Entscheidungsforen

  • Finanzierung von Experimenten und Skalierung

Das bedeutet: Ein Unternehmen muss sich organisatorisch so aufstellen, dass digitale Innovation möglich wird.

Einfach gesagt: Neue digitale Strategien funktionieren nicht mit alten Strukturen allein.

Merksatz: DBS braucht Organisationen, die Experimentieren und Skalieren ermöglichen.


4. Finanzielle Steuerung

Digitale Initiativen werden anders finanziert als klassische IT-Projekte.

Es gibt eine Verschiebung:

von:

  • einzelnen projektbasierten Budgets

hin zu:

  • Portfoliologik

Das bedeutet: Unternehmen betrachten mehrere digitale Initiativen gemeinsam und entscheiden, welche weitergeführt, gestoppt oder skaliert werden.

Entscheidungen basieren auf Kriterien wie:

  • Evidenz

  • Unit Economics

  • regulatorische Tragfähigkeit

Merksatz: Finanzielle Steuerung bedeutet: digitale Initiativen werden getestet, bewertet und gezielt weiterfinanziert.


Gesamtbedeutung der DBS

Die DBS verbindet:

  • Geschäftsmodellerneuerung

  • organisationale Voraussetzungen

  • Entscheidungsregeln

zu einem gemeinsamen strategischen Ansatz.

Sie sorgt also dafür, dass digitale Transformation nicht zufällig oder isoliert passiert.

Zentrale Konsequenz

Digitale Themen werden aus der reinen IT-Ecke herausgelöst.

Sie werden Teil des strategischen Kerns des Unternehmens.

Das bedeutet:

  • Digitalisierung betrifft nicht nur Technik

  • sie betrifft Geschäftsmodelle

  • sie betrifft Organisation

  • sie betrifft Finanzierung

  • sie betrifft Wettbewerbsvorteile

Kurzformel

1. Technologien: Welche digitalen Technologien passen zur Wertlogik?

2. Wertschöpfung: Wie verändert sich das Geschäftsmodell?

3. Struktur: Welche Organisation braucht digitale Transformation?

4. Finanzen: Welche Initiativen werden gestoppt, getestet oder skaliert?

Kernidee: Eine Digital Business Strategy macht digitale Transformation zur strategischen Daueraufgabe und nicht zu einem einzelnen IT-Projekt.


3.2 Digitalisierung bestehender Geschäftsmodelle

Grundidee

Von digitalisierten Geschäftsmodellen spricht man, wenn Unternehmen digitale Technologien nutzen, um bestehende Prozesse zu verbessern.

Ziel ist, Prozesse:

  • effizienter

  • transparenter

  • kundenfreundlicher

zu machen.

Wichtig: Die grundlegende Logik des Geschäftsmodells verändert sich dabei nicht.

Merksatz: Digitalisierung verbessert ein bestehendes Geschäftsmodell, ersetzt es aber nicht.


Unterschied zur digitalen Transformation

Bei der Digitalisierung bestehender Geschäftsmodelle bleibt die Wertschöpfungsarchitektur grundsätzlich erhalten.

Das bedeutet:

  • das Unternehmen macht weiterhin im Kern dasselbe

  • digitale Technologien ergänzen oder optimieren nur bestimmte Bereiche

  • es entsteht keine völlig neue Geschäftslogik

Deshalb handelt es sich eher um eine inkrementelle Weiterentwicklung.

Inkrementell bedeutet:

  • schrittweise

  • verbessernd

  • nicht radikal neu


Typische Formen digitalisierter Geschäftsmodelle


1. Stationärer Einzelhandel mit Online-Shop

Ein klassischer Händler eröffnet zusätzlich einen Online-Shop.

Das Grundgeschäft bleibt gleich:

  • Waren werden an Endkund:innen verkauft

Neu ist nur der digitale Vertriebskanal.

Vorteile:

  • größere Reichweite

  • Verkauf rund um die Uhr

  • Zugang zu neuen Kundengruppen

Neue Anforderungen:

  • Investitionen in IT-Systeme

  • Ausbau der Logistik

  • Kompetenzen im Online-Marketing

Merksatz: Online-Shop ergänzt den stationären Handel, verändert aber nicht automatisch das Geschäftsmodell grundlegend.


2. Digitalisierung in der Industrie

Auch Industrieunternehmen digitalisieren bestehende Geschäftsmodelle.

Beispiel:

Ein Maschinenbauer stattet Maschinen mit Sensoren aus.

Diese Sensoren erfassen Betriebsdaten in Echtzeit und senden sie an den Hersteller.

Dadurch wird Predictive Maintenance möglich.

Das bedeutet:

  • Probleme werden früh erkannt

  • Wartung kann vorausschauend geplant werden

  • Ausfälle können vermieden werden

Vorteile für Kund:innen:

  • frühzeitige Erkennung drohender Ausfälle

  • höhere Verfügbarkeit der Anlagen

Vorteile für Hersteller:

  • effizientere Serviceprozesse

  • stabilere Kundenbeziehungen

  • bessere Planung von Wartungseinsätzen

Das Kerngeschäft bleibt aber bestehen:

  • Maschinen werden weiterhin verkauft und gewartet

Merksatz: Digitale Sensoren verbessern den Service, aber der Maschinenbauer bleibt Maschinenbauer.


3. Digitalisierung im Finanzsektor

Im Finanzsektor werden viele Prozesse digitalisiert.

Beispiele:

  • Kontoeröffnung

  • Zahlungsabwicklung

  • Kreditanträge

Das Kerngeschäft bleibt:

  • Bereitstellung von Finanzdienstleistungen

Digitale Abwicklung führt zu:

  • höherer Geschwindigkeit

  • geringeren Kosten

  • stärkerer Kundenorientierung

Gleichzeitig verändern sich Kundenerwartungen.

Kund:innen erwarten zunehmend:

  • mobile Bankgeschäfte

  • schnelle digitale Prozesse

  • weniger Papier

  • weniger Abhängigkeit von Öffnungszeiten

Merksatz: Banken bieten weiterhin Finanzdienstleistungen an, aber die Abwicklung wird digitaler und kundenfreundlicher.


Vorteile und Herausforderungen

Vorteile digitalisierter Geschäftsmodelle

  • Die Digitalisierung bestehender Geschäftsmodelle kann Unternehmen viele Vorteile bringen.

  • Wichtig ist aber: Sie verbessert meist bestehende Strukturen, schafft aber nicht automatisch ein völlig neues Geschäftsmodell.


Effizienzsteigerung und Kostensenkung

Durch digitale Technologien können standardisierte Abläufe automatisiert werden.

Das bedeutet:

  • Prozesse laufen schneller

  • weniger manuelle Arbeit ist nötig

  • Fehler können reduziert werden

  • Kosten sinken

Merksatz: Digitalisierung macht bestehende Prozesse effizienter und günstiger.


Beschleunigte Prozesse und Echtzeit-Interaktion

Digitale Systeme ermöglichen schnellere Abläufe.

Unternehmen können:

  • sofort mit Kund:innen kommunizieren

  • schneller auf Anfragen reagieren

  • Informationen in Echtzeit verarbeiten

  • Services schneller bereitstellen

Beispiel: Eine Kundin stellt online eine Anfrage und erhält direkt eine automatische Rückmeldung.

Merksatz: Digitale Prozesse ermöglichen schnellere Reaktionen und direkte Kommunikation.


Datenbasierte Entscheidungsfindung

Digitale Prozesse erzeugen ständig Daten.

Diese Daten können genutzt werden für:

  • Analysen

  • bessere Entscheidungen

  • Optimierung von Prozessen

  • genauere Kundenansprache

Einfach gesagt: Unternehmen entscheiden weniger nach Bauchgefühl und stärker auf Basis von Daten.

Merksatz: Digitalisierung schafft Daten, die bessere Entscheidungen ermöglichen.


Erweiterte Reichweite

Digitale Vertriebskanäle ermöglichen Unternehmen, mehr Kund:innen zu erreichen.

Vorteile:

  • Zugang zu neuen Märkten

  • größere Marktpräsenz

  • Erreichbarkeit unabhängig von Ort und Zeit

Beispiel: Ein lokales Geschäft kann durch einen Online-Shop auch Kund:innen außerhalb der eigenen Stadt erreichen.

Merksatz: Digitale Kanäle erweitern Reichweite und Verfügbarkeit.


Herausforderungen und Grenzen

Digitalisierung ist wichtig, reicht aber oft nicht aus, um langfristig Wettbewerbsvorteile zu sichern.


Gefahr der Digitalisierungsfalle

Viele digitale Angebote werden schnell zum Branchenstandard.

Beispiele:

  • Online-Shops

  • Banking-Apps

  • digitale Kundenportale

Was am Anfang innovativ wirkt, wird später selbstverständlich.

Problem:

  • Unternehmen erfüllen dann nur noch Mindeststandards

  • echte Differenzierung entsteht kaum

  • Wettbewerbsvorteile bleiben begrenzt

Merksatz: Digitalisierung allein reicht nicht, wenn alle Wettbewerber dasselbe tun.


Interne Spannungsfelder

Digitale und traditionelle Geschäftsbereiche können in Konflikt geraten.

Digitale Kanäle werden manchmal als Konkurrenz zum bestehenden Geschäft gesehen.

Beispiel:

  • Online-Shop vs. stationäre Filiale

  • digitale Beratung vs. persönliche Beratung

  • automatisierter Service vs. klassische Kundenbetreuung

Zusätzlich unterscheiden sich oft:

  • Geschwindigkeit

  • Arbeitsweisen

  • Denkweisen

  • Mindset

Dadurch können kulturelle Spannungen entstehen.

Merksatz: Digitalisierung verändert nicht nur Technik, sondern auch Zusammenarbeit und Kultur.


Bedeutung der Organisationskultur

  • Damit Digitalisierung gelingt, muss sich auch die Unternehmenskultur weiterentwickeln.

Wichtig ist das Konzept der Ambidextrie.

Das bedeutet:

Unternehmen müssen gleichzeitig zwei Dinge können:

  • bestehende Geschäftsmodelle effizient weiterführen

  • neue Wertschöpfungslogiken erkunden

Also:

  • inkrementelle Effizienzsteigerung

  • radikale Innovation

Merksatz: Ambidextrie = Bestehendes verbessern und Neues entwickeln.


Kurzformel

Vorteile: Effizienz, geringere Kosten, schnellere Prozesse, bessere Daten, größere Reichweite

Grenzen: Digitalisierung wird schnell Standard und schafft nicht automatisch dauerhafte Wettbewerbsvorteile.

Herausforderung: Unternehmen müssen alte und neue Geschäftslogiken gleichzeitig steuern.

Kernidee: Digitalisierte Geschäftsmodelle verbessern bestehende Geschäftsmodelle, aber echte digitale Transformation erfordert zusätzlich neue Wertschöpfungslogiken.


Verhältnis von Digitalisierung und digitaler Transformation

Die Digitalisierung bestehender Geschäftsmodelle ist:

ein notwendiger erster Schritt

der digitalen Transformation.

Sie bleibt jedoch:

inkrementell

Denn sie verbessert vor allem:

  • Effizienz

  • Effektivität

innerhalb bestehender Wertlogiken.


Unterschied zur digitalen Transformation

Digitalisierung

  • optimiert bestehende Prozesse

  • verbessert bestehende Geschäftsmodelle

  • verändert die grundlegende Wertlogik nicht

Digitale Transformation

  • verändert die Wertlogik selbst

  • führt zu Geschäftsmodellinnovation

  • schafft neue Formen der Wertschöpfung

Zentrale Aussage des Abschnitts

  • Digitalisierung allein reicht nicht aus, um nachhaltige Wettbewerbsvorteile zu sichern.

  • Sie bildet vielmehr die Grundlage dafür, später transformative Geschäftsmodellinnovationen entwickeln zu können.

Langfristiger Erfolg erfordert daher:

  • Digitalisierung bestehender Aktivitäten

  • und gleichzeitige Exploration neuer Geschäftsmodelle

Kurze klausurtaugliche Zusammenfassung

  • Digitalisierte Geschäftsmodelle nutzen digitale Technologien zur Verbesserung bestehender Prozesse, ohne die grundlegende Wertlogik zu verändern.

  • Typische Beispiele sind Online-Shops, Predictive Maintenance oder digitale Bankprozesse.

  • Vorteile sind Effizienzsteigerung, schnellere Prozesse, datenbasierte Entscheidungen und größere Reichweite.

  • Gleichzeitig entstehen Risiken wie die „Digitalisierungsfalle“, kulturelle Konflikte und fehlende Differenzierung.

  • Digitalisierung ist daher ein notwendiger, aber nicht ausreichender Schritt der digitalen Transformation.

  • Während Digitalisierung bestehende Wertlogiken optimiert, verändert digitale Transformation die Wertlogik selbst.

  • Erfolgreiche Unternehmen benötigen dafür Ambidextrie – also die Fähigkeit, bestehende Geschäftsmodelle effizient zu betreiben und gleichzeitig neue Wertschöpfungslogiken zu entwickeln.


3.3 Digitale Transformation: Neue digitale Geschäftsmodelle

  • Digitale Geschäftsmodelle gehen deutlich über die bloße Digitalisierung bestehender Prozesse hinaus.

  • Während digitalisierte Geschäftsmodelle bestehende Abläufe effizienter machen, beruhen digitale Geschäftsmodelle auf vollständig neuen Wertlogiken und wären ohne digitale Technologien überhaupt nicht möglich.

  • Digitale Technologien sind hier also nicht nur unterstützende Werkzeuge, sondern das zentrale Fundament des Geschäftsmodells selbst (Veit et al., 2014).

Dadurch verändern digitale Geschäftsmodelle ganze Branchen und schaffen neue Formen der Wertschöpfung.

Der Abschnitt betrachtet dabei insbesondere drei zentrale Dimensionen:

  • Plattformökonomie

  • disruptive Innovationspfade

  • neue Erlösmodelle


Einordnung von Abbildung 7: Digitalisierung vs. digitale Transformation


Die Abbildung verdeutlicht den Unterschied zwischen:

Digitalisierung bestehender Geschäftsmodelle

und digitaler Geschäftsmodelltransformation.


Digitalisierung bestehender Geschäftsmodelle

Hier bleibt die:

  • Kernlogik des Geschäftsmodells erhalten

Digitale Technologien verbessern vor allem:

  • Prozesse

  • Effizienz

  • Kundenzugänge

Beispiele aus der Abbildung:

  • Einzelhandel → Online-Shop

  • Bank → Mobile Banking App

  • Maschine → Predictive Maintenance

Das bestehende Geschäftsmodell wird also optimiert, aber nicht grundsätzlich verändert.


Digitale Geschäftsmodelltransformation

Hier verändert sich die:

Grundlogik der Wertschöpfung

Es entstehen:

  • neue Märkte

  • neue Rollen

  • neue Wertschöpfungsformen

Beispiele aus der Abbildung:

  • Amazon → Plattform-Ökosystem

  • N26 → reine Digitalbank

  • Uber → Plattform statt klassisches Taxiunternehmen

Die Abbildung zeigt damit den Übergang:


„Von Effizienzsteigerung zu disruptiver Neugestaltung“

Digitale Transformation verändert also nicht nur Prozesse, sondern die gesamte Geschäftslogik.


3.3.1 Digitale Plattformökonomie

Bereits in Kapitel 1.6 wurden die ökonomischen Grundlagen digitaler Plattformen behandelt:

  • Netzwerkeffekte

  • Skalenvorteile

  • Datenvorteile

Grundlogik digitaler Plattformen

Plattformen unterscheiden sich grundlegend von klassischen Geschäftsmodellen.

Sie beruhen nicht primär auf:

  • Produktion

  • Besitz

  • Verkauf von Produkten

sondern auf der Fähigkeit Interaktionen zwischen verschiedenen Marktseiten zu orchestrieren.


Wert entsteht also dadurch, dass Plattformen:

  • Anbieter und Nachfrager zusammenbringen

  • Interaktionen ermöglichen

  • Transaktionen effizient organisieren

Beispiel:

  • Airbnb besitzt nicht selbst die Wohnungen.

  • Uber besitzt nicht selbst alle Fahrzeuge.

  • eBay verkauft nicht alle Produkte selbst.

Sie stellen vor allem die digitale Infrastruktur bereit, über die andere handeln können.

Merksatz: Plattformen produzieren nicht unbedingt selbst, sondern organisieren Austausch.


Plattform-Archetypen

Nach Cusumano, Gawer & Yoffie (2019) lassen sich vier Plattform-Archetypen unterscheiden.

1. Transaktionsplattformen

Transaktionsplattformen bringen Angebot und Nachfrage zusammen.

Ziel:

  • Matching erleichtern

  • Transaktionen ermöglichen

  • Abwicklung vereinfachen

Wert entsteht durch:

  • geringere Suchkosten

  • geringere Transaktionskosten

  • weniger Informationsasymmetrien

Typische Erlösquellen:

  • Transaktionsgebühren

  • Premiumgebühren

  • Listungsgebühren

Beispiele:

  • Airbnb

  • Uber

  • eBay

  • Upwork

Merksatz: Transaktionsplattformen vermitteln zwischen Anbieter und Nachfrager.


2. Innovationsplattformen

Diese Plattformen stellen eine technologische Basis bereit, auf der Dritte eigene Produkte oder Services entwickeln.

Wert entsteht durch:

  • Ermöglichung externer Innovationen

  • Orchestrierung von Entwicklerökosystemen

Typische Erlösquellen:

  • Lizenzen

  • Umsatzbeteiligungen

  • Hardware-Verkäufe

Beispiele:

  • iOS

  • Android

  • Windows

  • Salesforce

  • Cloud-Plattformen

3. Integrierte Plattformen

Diese Plattformen kombinieren:

  • Transaktionslogik

  • Innovationslogik

Sie verbinden:

  • Marktplatzfunktionen

  • Entwicklerökosysteme

Kurzer Einschub:

Entwicklerökosystem = viele externe Entwickler:innen schaffen zusätzliche Angebote auf Basis einer Plattform.

Oder noch einfacher:

Die Plattform stellt die Bühne bereit, die Entwickler:innen liefern viele der Inhalte und Funktionen.


Zusätzlicher Wert entsteht durch:

  • gebündelte Services

  • Geräteintegration

  • Mitgliedschaftsprogramme

Beispiele:

  • Apple

  • Amazon

  • Alibaba

4. Investment-Plattformen

Investment-Plattformen sind Unternehmen oder Holdings, die mehrere Plattformen gleichzeitig steuern.

Wert entsteht durch:

  • Diversifikation

  • gemeinsame Ressourcennutzung

  • Daten- und Infrastruktur-Synergien

Beispiele:

  • Alphabet

  • Meta

  • Tencent

Merksatz: Investment-Plattformen koordinieren mehrere Plattformgeschäfte gleichzeitig.


Bedeutung der Plattform-Typologie

Die Typologie hilft dabei, Plattformen besser zu analysieren.

Man kann dadurch besser verstehen:

  • welche Wertlogik eine Plattform hat

  • wie sie Wettbewerbsvorteile erzeugt

  • welche Governance-Fragen entstehen

  • welche Machtposition sie einnimmt

Unterschiede:

  • Transaktionsplattformen optimieren Transaktionen

  • Innovationsplattformen steuern Standards und Entwickler

  • integrierte Plattformen verbinden beide Logiken

  • Investment-Plattformen koordinieren Plattform-Portfolios

Platform Envelopment

Ein zentrales Wettbewerbsphänomen in Plattformmärkten ist:

Platform Envelopment

Darunter versteht man:

  • die Expansion einer Plattform in angrenzende Märkte

  • durch Bündelung eigener und fremder Funktionen

(Eisenmann et al., 2011)


Beispielhaft gedacht: Eine Plattform, die ursprünglich nur einen Dienst anbietet, integriert später zusätzliche Funktionen und tritt dadurch in neue Märkte ein.

Merksatz: Platform Envelopment = Plattform wächst in benachbarte Märkte hinein.


Digitale Plattform: verbindet Marktseiten und organisiert Interaktionen

Transaktionsplattform: vermittelt Angebot und Nachfrage

Innovationsplattform: ermöglicht Entwicklung durch Dritte

Integrierte Plattform: kombiniert Marktplatz und Entwicklerökosystem

Investment-Plattform: steuert mehrere Plattformen gleichzeitig

Platform Envelopment: Expansion in angrenzende Märkte

Kernidee: Plattformen schaffen Wert nicht primär durch eigene Produktion, sondern durch die Organisation von Interaktionen, Netzwerken und Ökosystemen.

Drei Mechanismen des Platform Envelopment


Platform Envelopment bedeutet:

  • Eine Plattform wächst in angrenzende Märkte hinein und verdrängt dort teilweise andere Anbieter.

  • Das passiert vor allem über drei Mechanismen.


1. Funktionsbündelung

Eine Plattform integriert mehrere Funktionen, die früher getrennt waren.

Beispiele:

  • Browser wird direkt ins Betriebssystem integriert

  • Mail, Cloud, Karten und Medienangebote werden in einem System gebündelt

Dadurch müssen Nutzer:innen nicht mehr für jede Funktion einen eigenen Anbieter verwenden.

Merksatz: Funktionsbündelung = mehrere Dienste werden in einer Plattform zusammengeführt.


2. Nutzerbasis-Leverage

Eine Plattform nutzt ihre bestehende Nutzerbasis, um neue Angebote schnell zu verbreiten.

Beispiel:

Ein E-Commerce-System erweitert sich um:

  • Streaming

  • Musik

  • Payment

  • Games

Der Vorteil: Die Plattform hat bereits viele Nutzer:innen und kann neue Dienste direkt an diese Nutzer:innen ausspielen.

Merksatz: Nutzerbasis-Leverage = bestehende Nutzer:innen helfen, neue Dienste schnell groß zu machen.


3. „Gut-genug“-Substitution und Multi-Homing-Kosten

  • Bietet eine Plattform mehrere hinreichend gute Dienste gebündelt an, sinkt der Anreiz der Nutzer:innen, parallel andere spezialisierte Plattformen zu halten

  • Kosten: mehrere Konten, Umgewöhnung, fragmentierte Daten


Funktionsbündelung: mehrere Dienste in einer Plattform

Nutzerbasis-Leverage: vorhandene Nutzer:innen für neue Angebote nutzen

Gut-genug-Substitution: bequeme Komplettlösung ersetzt spezialisierte Anbieter

Multi-Homing-Kosten: Aufwand durch parallele Nutzung mehrerer Plattformen

Kernidee: Plattformen wachsen in neue Märkte, indem sie Funktionen bündeln, ihre Nutzerbasis nutzen und den Wechsel zu anderen Angeboten weniger attraktiv machen.


Wettbewerbliche Folgen von Envelopment

Platform Envelopment verstärkt oft die Konzentration in digitalen Märkten.

Das bedeutet:

  • große Plattformen werden noch stärker

  • kleinere Anbieter geraten unter Druck

  • Märkte entwickeln sich oft in Richtung winner-takes-most

Winner-takes-most heißt: Nicht unbedingt ein Anbieter gewinnt alles, aber wenige große Anbieter sichern sich den größten Teil des Marktes.


Was wird im Wettbewerb wichtiger?

Es geht nicht mehr nur um einzelne Produktmerkmale.

Entscheidend werden zunehmend:

  • Zugang zur Nachfrage

  • Daten

  • Zahlungswege

  • Komplementoren

  • Position im Ökosystem

Einfach gesagt: Nicht nur das beste Produkt zählt, sondern auch, wer den Zugang zu Nutzer:innen, Daten und Partnern kontrolliert.


Verteidigungsstrategien gegen Envelopment

Wenn eine Plattform von einer größeren Plattform bedroht wird, kann sie sich auf verschiedene Arten verteidigen.

1. Qualitätsdifferenzierung

Eine Plattform kann sich durch besonders hohe Qualität abheben.

Zum Beispiel durch:

  • bessere Nutzererfahrung

  • spezielle Features

  • professionelle Tools

Merksatz: Qualitätsdifferenzierung = besser oder spezialisierter sein als die große Plattform.

2. Exklusivitäten

Eine Plattform kann exklusive Angebote schaffen.

Beispiele:

  • exklusive Inhalte

  • besondere Lizenzen

  • spezielle Services

Dadurch steigen die Wechselkosten.

Das bedeutet: Nutzer:innen haben mehr Gründe, bei der Plattform zu bleiben.

Merksatz: Exklusivität macht den Wechsel zu anderen Plattformen unattraktiver.

3. Fokus auf Nischen

Eine Plattform kann sich auf spezielle Zielgruppen oder Märkte konzentrieren.

Beispiele:

  • Creator-Communities

  • B2B-Spezialmärkte

  • Fachplattformen

Merksatz: Nischenstrategie = lieber in einem speziellen Bereich stark sein als überall mittelmäßig.

4. Allianzen

Plattformen können mit anderen Akteuren zusammenarbeiten.

Beispiele für Partnerbereiche:

  • Payment

  • Distribution

  • Identitätssysteme

Dadurch können sie ihre eigene Position stärken.

Merksatz: Allianzen = Zusammenarbeit, um gegen größere Plattformen konkurrenzfähig zu bleiben.

5. Regulatorische Hebel

Betroffene Plattformen können auch Regulierung fordern.

Zum Beispiel:

  • Interoperabilität

  • diskriminierungsfreien Zugang

  • Entbündelung

Ziel ist, die Macht großer Plattformen zu begrenzen.

Merksatz: Regulierung kann helfen, Marktzugang fairer zu gestalten.



Strategische Konsequenzen

Unternehmen außerhalb großer Plattformen müssen ihre Plattformabhängigkeit bewusst steuern.

Sie sollten beachten:

  • Wie abhängig sind wir von einer Plattform?

  • Welche Daten besitzen wir selbst?

  • Welche Schnittstellen, also APIs, brauchen wir?

  • Könnte eine große Plattform unsere Funktion selbst anbieten?

Envelopment-Risiken sollten deshalb in Produkt-Roadmaps eingeplant werden.

Plattformunternehmen selbst

Große Plattformunternehmen nutzen Envelopment oft als Wachstumsstrategie.

Sie erweitern ihre Angebote in angrenzende Märkte.

Dabei müssen sie aber beachten:

  • Governance

  • Transparenz

  • Regulierung

Merksatz: Envelopment ist für große Plattformen Wachstumschance, für kleinere Anbieter Wettbewerbsrisiko.

Geschäftsmodell-Logik von Plattformen

Plattformen basieren auf netzwerkbasierter Wertschöpfung.

Das bedeutet:

Sie schaffen Nutzen, indem sie Interaktionen ermöglichen.

Diese Interaktionen würden ohne Plattform:

  • gar nicht stattfinden

  • oder deutlich ineffizienter sein

Die Plattform übernimmt dabei:

  • Koordination

  • Vertrauensaufbau

  • Regelsetzung

  • Senkung von Transaktionskosten

Merksatz: Plattformen schaffen Wert, indem sie Austausch zwischen Marktseiten organisieren.

Das Henne-Ei-Problem

Plattformen haben am Anfang ein typisches Problem:

Sie brauchen gleichzeitig Anbieter und Nachfrager.

Eine Plattform ist erst attraktiv, wenn:

  • genug Anbieter vorhanden sind

  • genug Nachfrager teilnehmen

Beispiel Uber:

  • Fahrgäste wollen viele Fahrer:innen

  • Fahrer:innen wollen viele Fahrgäste

Fehlt eine Seite, funktioniert die Plattform nicht.

Merksatz: Henne-Ei-Problem = Anbieter kommen nur, wenn Nachfrager da sind; Nachfrager kommen nur, wenn Anbieter da sind.

Kritische Masse

Damit eine Plattform funktioniert, muss sie eine kritische Masse erreichen.

Das bedeutet:

Es gibt genügend Teilnehmer auf beiden Marktseiten, sodass Netzwerkeffekte selbsttragend wirken.

Ab diesem Punkt wächst die Plattform leichter weiter.

Merksatz: Kritische Masse = genug Teilnehmer, damit die Plattform für beide Seiten attraktiv wird.

Kurzformel

Envelopment: große Plattform wächst in angrenzende Märkte Folge: stärkere Marktkonzentration, winner-takes-most Verteidigung: Qualität, Exklusivität, Nischen, Allianzen, Regulierung Plattformlogik: Wert entsteht durch organisierte Interaktion Henne-Ei-Problem: beide Marktseiten müssen gleichzeitig aufgebaut werden Kritische Masse: genug Teilnehmer, damit Netzwerkeffekte wirken

Kernidee: Plattformen gewinnen nicht nur durch gute Produkte, sondern durch Zugang zu Nutzer:innen, Daten, Partnern und Netzwerkeffekten.

Strategien zur Erreichung kritischer Masse

Plattformen müssen am Anfang genug Nutzer:innen auf beiden Marktseiten gewinnen.

Typische Maßnahmen sind:

  • Subventionen für frühe Nutzer

  • intensive Marketingkampagnen

  • Fokus auf kleine Nischenmärkte

Ziel ist: Die Plattform soll schnell so attraktiv werden, dass Netzwerkeffekte einsetzen.

Merksatz: Kritische Masse bedeutet: Es gibt genug Nutzer:innen, damit die Plattform von selbst weiterwachsen kann.


Beispiel Airbnb

Airbnb konzentrierte sich am Anfang gezielt auf Konferenzen in San Francisco.

Der Grund:

  • viele Besucher:innen kamen in die Stadt

  • Hotels waren oft ausgebucht

  • dadurch gab es hohe Nachfrage nach Unterkünften

Airbnb konnte so Angebot und Nachfrage gezielt zusammenbringen.

Einfach gesagt: Airbnb startete dort, wo das Problem besonders groß war.

Dadurch konnte die Plattform schneller kritische Masse erreichen.


Einordnung von Abbildung 8: Kritische Masse

Die Abbildung zeigt den Zusammenhang zwischen:

  • Nachfrage

  • Grenzkosten

  • Nutzerzahl

Einordnung von Abbildung 8: Kritische Masse



Achsen der Abbildung

Die horizontale Achse zeigt:

  • Menge

  • Nutzerzahl

Die vertikale Achse zeigt:

  • Wert

  • Preis pro Nutzer

Nachfragekurve

Die Nachfragekurve steigt mit zunehmender Nutzerzahl.

Grund:

  • Netzwerkeffekte

Das bedeutet:

Je mehr Nutzer:innen teilnehmen, desto wertvoller wird die Plattform für alle.

Beispiel Uber: Je mehr Fahrer:innen es gibt, desto attraktiver wird Uber für Fahrgäste. Je mehr Fahrgäste es gibt, desto attraktiver wird Uber für Fahrer:innen.


Grenzkostenkurve

Die Grenzkostenkurve verläuft relativ flach.

Grund:

  • digitale Plattformen haben hohe Anfangskosten

  • zusätzliche Nutzer:innen verursachen aber oft nur geringe Zusatzkosten

Grenzkosten bedeutet: Kosten für einen zusätzlichen Nutzer oder eine zusätzliche Transaktion.

Merksatz: Digitale Plattformen sind teuer im Aufbau, aber zusätzliche Nutzer kosten oft wenig.

Kritische Masse als Schnittpunkt

Die kritische Masse liegt dort, wo sich:

  • Nachfragekurve

  • Grenzkostenkurve

schneiden.

Dieser Punkt ist wichtig, weil ab dort der Nutzen der Plattform die Kosten rechtfertigt.

Links der kritischen Masse

Links vom Schnittpunkt ist die Plattform noch unattraktiv.

Probleme:

  • zu wenige Nutzer:innen

  • Netzwerkeffekte reichen noch nicht aus

  • Nutzen deckt die Kosten nicht

Einfach gesagt: Die Plattform ist noch zu klein, um wirklich attraktiv zu sein.

Rechts der kritischen Masse

Rechts vom Schnittpunkt entsteht ein selbstverstärkender Wachstumseffekt.

Das bedeutet:

  • jeder neue Nutzer erhöht den Plattformwert

  • dadurch kommen weitere Nutzer dazu

  • dadurch wird die Plattform noch wertvoller

So können Plattformen sehr schnell wachsen.

Mögliche Folge:

  • starke Marktposition

  • winner-takes-most

  • teilweise monopolähnliche Strukturen

Kurzformel

Kritische Masse: Punkt, ab dem Netzwerkeffekte selbsttragend wirken

Links davon: zu wenig Nutzen, Plattform bleibt unattraktiv

Rechts davon: Wachstum verstärkt sich selbst

Strategien: Subventionen, Marketing, Nischenfokus

Kernidee: Plattformen müssen zuerst genug Nutzer:innen aufbauen. Ist die kritische Masse erreicht, können Netzwerkeffekte schnelles Wachstum auslösen.

Governance und Vertrauen (Plattform-Governance)

Plattformen müssen aktiv Regeln festlegen.

Diese Regeln betreffen zum Beispiel:

  • wer teilnehmen darf

  • wie Nutzer:innen miteinander interagieren

  • welche Inhalte oder Angebote erlaubt sind

  • wie Konflikte gelöst werden

  • wann Anbieter ausgeschlossen werden können

Deshalb sind Plattformen keine neutralen Infrastrukturen. Sie sind aktive Regelsetzer.


Beispiel:

  • Amazon gibt Händlern genaue Vorgaben und kann Anbieter sperren, wenn sie gegen Regeln verstoßen.

Merksatz:

  • Plattformen stellen nicht nur Technik bereit, sondern bestimmen auch die Spielregeln.

Vertrauen als Schlüsselressource

Plattformen verbinden oft Personen oder Unternehmen, die sich nicht kennen.

Deshalb müssen sie Vertrauen schaffen.

Wichtige Instrumente sind:

  • Bewertungssysteme

  • Reputationssysteme

  • Garantien

  • Versicherungen

  • Verifizierungsverfahren

  • transparente Standards

Ohne solche Vertrauensmechanismen würden viele Plattformen kaum funktionieren.

Beispiel: Bei Airbnb helfen Bewertungen, damit Gäste und Gastgeber einander besser einschätzen können.

Merksatz: Vertrauen ist wichtig, weil Plattformen oft Fremde miteinander verbinden.


Plattformen in verschiedenen Branchen

Digitale Plattformen gibt es heute in vielen Branchen.

Handel

Beispiele:

  • Amazon

  • Alibaba

Hier verbinden Plattformen Händler und Kund:innen.

Dienstleistungen

Beispiele:

  • Upwork

  • Fiverr

Hier vermitteln Plattformen Arbeitsleistungen oder digitale Dienstleistungen.

Industrie

Beispiele:

  • Siemens MindSphere

  • GE Predix

Industrieplattformen ermöglichen:

  • Datenaustausch

  • Serviceentwicklung

  • gemeinsame Innovation

zwischen:

  • Herstellern

  • Zulieferern

  • Kund:innen

Merksatz: Plattformen gibt es nicht nur im Konsumbereich, sondern auch in der Industrie.


Zentrale Aussage des Abschnitts

  • Plattformen gelten als besonders konsequente Form digitaler Geschäftsmodelltransformation.

Der Grund:

  • Sie schaffen Wert nicht vor allem durch eigene Produkte, sondern durch die Organisation eines Ökosystems.

Ihr Erfolg hängt davon ab, externe Akteure einzubinden, zum Beispiel:

  • Anbieter

  • Nachfrager

  • Entwickler

  • Partner

  • Dienstleister

Merksatz: Plattformen sind erfolgreich, wenn sie viele Akteure in einem funktionierenden Ökosystem zusammenbringen.


Kurze klausurtaugliche Zusammenfassung

  • Digitale Geschäftsmodelle beruhen auf neuen Wertlogiken und wären ohne digitale Technologien nicht möglich.

  • Besonders wichtig ist die Plattformökonomie, bei der Plattformen Interaktionen zwischen verschiedenen Marktseiten orchestrieren. Man unterscheidet Transaktions-, Innovations-, integrierte und Investment-Plattformen.

  • Plattformen profitieren von Netzwerkeffekten, Skalenvorteilen und Datenvorteilen.

  • Zentrale Wettbewerbsdynamiken entstehen durch Platform Envelopment, also die Expansion in angrenzende Märkte durch Funktionsbündelung und Nutzung bestehender Nutzerbasen.

  • Erfolgreiche Plattformen müssen eine kritische Masse erreichen, damit Netzwerkeffekte selbstverstärkend wirken.

  • Governance, Vertrauen und Regelsetzung sind zentrale Erfolgsfaktoren.

  • Plattformen gelten als die konsequenteste Form digitaler Geschäftsmodelltransformation, da sie ganze Ökosysteme orchestrieren und neue Formen der Wertschöpfung ermöglichen.


3.3.2 Disruption und Innovation

Innovation im Kontext der Digitalisierung

  • Innovation beschreibt allgemein die Einführung neuer Produkte, Dienstleistungen, Prozesse oder Geschäftsmodelle, die einen Mehrwert für Kund:innen, Unternehmen oder Märkte schaffen.

  • Innovationen können verschiedene Formen haben.

    • Sie können technischer, organisatorischer oder geschäftsmodellbezogener Natur sein.

    • Außerdem können sie entweder kleine, schrittweise Verbesserungen darstellen oder radikale Neuerungen hervorbringen.


Gerade im Zusammenhang mit Digitalisierung ist die inkrementelle Innovation besonders wichtig.

  • Sie meint graduelle Verbesserungen innerhalb bestehender Strukturen und Geschäftsmodelle.

  • Ein Produkt, ein Prozess oder ein Zugang wird also verbessert, aber nicht grundsätzlich neu erfunden.

  • Beispiele dafür sind eine Banking-App oder ein Online-Shop im stationären Handel.

  • Die Bank bleibt weiterhin Finanzdienstleister, der Händler verkauft weiterhin Waren an Endkund:innen.

  • Neu ist vor allem, dass diese Leistungen über digitale Kanäle effizienter, bequemer und oft kostengünstiger zugänglich werden.

Verbindung zur Digitalisierung

Inkrementelle Innovation ist eng mit Digitalisierung verbunden.

Sie sorgt dafür, dass analoge Strukturen in digitale Systeme übertragen werden.

Typische Effekte:

  • Medienbrüche werden beseitigt

  • Abläufe werden automatisiert

  • Prozesse werden effizienter

  • Kundenzugang wird bequemer

Aber: Das bestehende Geschäftsmodell wird meist stabilisiert, nicht grundsätzlich infrage gestellt.


Disruption als Transformationsdynamik

Disruptive Innovation funktioniert anders.

Sie ist eng mit Clayton Christensen verbunden.

Disruption bedeutet nicht einfach:

  • besseres Produkt

  • höhere Qualität

  • neue Version eines bestehenden Angebots

Disruption beschreibt einen bestimmten Markteintrittspfad.

Wie entsteht Disruption?

Neue Anbieter starten oft mit Angeboten, die zunächst:

  • einfacher

  • günstiger

  • leichter zugänglich

sind.

Sie richten sich häufig an Randsegmente.

Diese Märkte nennt man:

  • low-end markets

  • new markets

Für etablierte Unternehmen wirken diese Bereiche oft unattraktiv.

Der Grund:

  • geringere Margen

  • weniger profitable Kund:innen

  • nicht passend zum bestehenden Kerngeschäft

Warum ignorieren etablierte Unternehmen Disruptoren?

Etablierte Unternehmen konzentrieren sich meist auf ihre profitablen Kernkund:innen.

Deshalb unterschätzen sie neue Anbieter in Randmärkten.

Mit der Zeit verbessern Disruptoren aber:

  • ihre Technologie

  • ihr Geschäftsmodell

  • ihre Qualität

  • ihre Reichweite

Irgendwann werden sie auch für den Massenmarkt attraktiv.


Folgen der Disruption

Wenn Disruptoren den Massenmarkt erreichen, geraten etablierte Anbieter unter Druck.

Das Problem:

  • ihre Strukturen passen zum alten Geschäft

  • ihre Routinen sind auf das Kerngeschäft ausgerichtet

  • ihre Ertragslogik hängt am bestehenden Modell

  • sie reagieren oft zu langsam auf die neue Wertlogik

Merksatz: Disruption trifft nicht nur einzelne Prozesse, sondern die gesamte Geschäftsmodellarchitektur.


Unterschied: Inkrementelle Innovation vs. Disruption


Inkrementelle Innovation

  • verbessert bestehende Angebote

  • bleibt innerhalb bestehender Strukturen

  • stabilisiert oft das alte Geschäftsmodell

  • Beispiel: Banking-App

Disruptive Innovation

  • beginnt oft in Randmärkten

  • wirkt zunächst weniger attraktiv

  • verbessert sich mit der Zeit

  • kann etablierte Geschäftsmodelle verdrängen

  • Beispiel: neue digitale Anbieter, die bestehende Branchenlogiken verändern

Kurzformel

Innovation: etwas Neues mit Mehrwert Inkrementelle Innovation: bestehendes Geschäftsmodell wird verbessert

Disruption: neue Anbieter verändern die Marktlogik grundlegend

Kernidee: Digitalisierung führt oft zuerst zu inkrementeller Innovation. Disruption geht weiter, weil sie bestehende Geschäftsmodelle und Marktstrukturen grundsätzlich infrage stellen kann.


Kritik und Weiterentwicklung der Disruptionstheorie

Zentrale Kritik

Nicht alles, was später als „disruptiv“ bezeichnet wird, entspricht wirklich der ursprünglichen Theorie.

Nach Christensen bedeutet Disruption eigentlich:

  • ein neuer Anbieter startet in einem Randmarkt

  • zum Beispiel in einem low-end market oder new market

  • etablierte Unternehmen nehmen ihn zunächst nicht ernst

  • später verbessert sich das Angebot

  • schließlich wird der Massenmarkt angegriffen

Kritik von King und Baatartogtokh

King und Baatartogtokh untersuchten viele bekannte Fälle, die als disruptiv bezeichnet wurden.

Ihr Ergebnis:

  • Nur ein kleiner Teil passte wirklich zum engen Modell von Christensen.

  • Viele Fälle wurden im Nachhinein als Disruption bezeichnet, obwohl sie eher einfache Ersetzungen waren.

Substitution statt Disruption

Häufig ersetzt eine neue Technologie einfach eine alte Technologie.

Das nennt man eher Substitution.

Beispielhaft:

  • eine neue digitale Lösung ersetzt eine analoge Lösung

  • aber sie folgt nicht dem typischen disruptiven Eintrittspfad über Randmärkte

Merksatz: Nicht jede Ersetzung ist automatisch Disruption.

Survivor Bias

Ein weiteres Problem ist der Survivor Bias.

Das bedeutet:

  • erfolgreiche Disruptoren werden stark beachtet

  • gescheiterte Disruptoren werden oft vergessen

  • dadurch wirkt Disruption im Rückblick wahrscheinlicher und klarer, als sie tatsächlich war

Einfach gesagt: Man schaut nur auf die Gewinner und vergisst die vielen gescheiterten Versuche.

Zentrale Aussage

Nicht jede digitale Neuerung ist automatisch disruptiv.

Viele digitale Innovationen sind eher:

  • inkrementelle Verbesserungen

  • technische Substitutionen

  • Effizienzsteigerungen

  • neue Vertriebskanäle

Disruption sollte deshalb präzise verwendet werden.

Jobs-to-be-Done-Ansatz (JTBD)

Der Jobs-to-be-Done-Ansatz erweitert die klassische Sicht auf Innovation.

Er fragt nicht zuerst:

Welches Produkt kaufen Kund:innen?

Sondern:

Welche Aufgabe wollen Kund:innen erledigen? oder Welches Problem wollen sie lösen?

Grundidee

Kund:innen kaufen Produkte nicht nur wegen des Produkts selbst.

Sie nutzen Produkte, um einen bestimmten Job zu erledigen.

Ein „Job“ ist hier eine Aufgabe oder ein Bedürfnis in einem bestimmten Nutzungskontext.

Beispiele:

  • von A nach B kommen

  • Wartezeit sinnvoll überbrücken

  • sich sicher fühlen

  • schnell Informationen finden

  • sich unterhalten lassen

Merksatz: Kund:innen kaufen nicht nur Produkte, sondern Lösungen für Aufgaben.

Unterschied zur klassischen Produktsicht

Klassische Frage:

  • Welches Produkt wird gekauft?

JTBD-Frage:

  • Welches Problem soll gelöst werden?

Das ist wichtig, weil ein und derselbe Job durch ganz unterschiedliche Lösungen erfüllt werden kann.

Beispiel:

Der Job „von A nach B kommen“ kann erfüllt werden durch:

  • eigenes Auto

  • Taxi

  • Uber

  • Fahrrad

  • E-Scooter

  • Bahn

Warum ist JTBD für Innovation wichtig?

Der Ansatz erklärt, warum Unternehmen plötzlich Konkurrenz aus anderen Branchen bekommen können.

Denn entscheidend ist nicht die Branche, sondern der Job der Kund:innen.

Beispiel:

Der Job „Wartezeit sinnvoll überbrücken“ kann erfüllt werden durch:

  • Buch

  • Smartphone-Spiel

  • Social Media

  • Podcast

  • Streaming-App

Diese Angebote stammen aus unterschiedlichen Branchen, konkurrieren aber um denselben Job.

Merksatz: Branchenübergreifender Wettbewerb entsteht, wenn verschiedene Lösungen denselben Kundenjob erfüllen.

Funktionale, emotionale und soziale Dimension

JTBD betrachtet nicht nur den praktischen Nutzen.

Wichtig sind auch:

  • funktionale Aspekte

  • emotionale Aspekte

  • soziale Aspekte

Beispiel

Beim Job „von A nach B kommen“ geht es nicht nur um Transport.

Es kann auch gehen um:

  • schnell ankommen

  • günstig fahren

  • bequem reisen

  • sicher fühlen

  • Status zeigen

  • umweltbewusst handeln

Merksatz: Kund:innen lösen nicht nur sachliche Probleme, sondern auch emotionale und soziale Bedürfnisse.

.


Neue Angebote und Jobs

Neue Angebote können zwei Dinge tun:

1. Bestehende Jobs besser erfüllen

Zum Beispiel:

  • einfacher

  • schneller

  • günstiger

  • bequemer

2. Neue Jobs ermöglichen

Manche Innovationen schaffen neue Nutzungsformen.

Beispiel:

Binge-Watching

Streamingdienste haben nicht nur Fernsehen digitalisiert. Sie haben eine neue Form der Mediennutzung ermöglicht: ganze Serien am Stück schauen.


Grenzen des JTBD-Ansatzes

Der Ansatz ist hilfreich, aber methodisch anspruchsvoll.

Schwierig ist:

  • Jobs richtig abzugrenzen

  • nicht zu allgemein und nicht zu eng zu formulieren

  • zukünftige Jobs früh zu erkennen

  • kausal nachzuweisen, warum Kund:innen wirklich wechseln

Beispiel Granularität

Zu allgemein:

  • „unterhalten werden“

Zu konkret:

  • „abends um 20:15 eine bestimmte Serie auf dem Fernseher schauen“

Besser:

  • „nach einem langen Tag unkompliziert abschalten“


Inkrementelle Innovation versus Disruption

Inkrementelle Innovation vs. Disruptive Innovation

Der wichtigste Unterschied liegt in der Wirkung auf das Geschäftsmodell.

Inkrementelle Innovation

Inkrementelle Innovation verbessert bestehende Strukturen.

Sie macht Prozesse:

  • effizienter

  • schneller

  • kundenfreundlicher

Die Grundlogik des Geschäftsmodells bleibt aber erhalten.

Beispiel: Eine Bank bietet eine App an. Das Bankgeschäft bleibt gleich, wird aber digitaler und bequemer.

Merksatz: Inkrementelle Innovation verbessert das bestehende Geschäftsmodell.

Disruptive Innovation

Disruptive Innovation geht deutlich weiter.

Sie verändert nicht nur einzelne Prozesse, sondern die grundlegende Wertlogik.

Es verändert sich also:

  • wie Wert geschaffen wird

  • was angeboten wird

  • warum Kund:innen das Angebot nutzen

Disruption ist deshalb eng mit digitaler Transformation verbunden.

Merksatz: Disruptive Innovation verändert die Geschäftslogik grundlegend.

Das Innovator’s Dilemma

Das Innovator’s Dilemma beschreibt ein Problem etablierter Unternehmen.

Erfolgreiche Unternehmen konzentrieren sich oft auf ihr Kerngeschäft, weil dort:

  • hohe Margen liegen

  • treue Kund:innen sind

  • bestehende Prozesse gut funktionieren

  • vorhandene Ressourcen optimal genutzt werden

Dadurch wirken disruptive Modelle zunächst unattraktiv.

Warum reagieren etablierte Unternehmen oft zu spät?

Disruptive Angebote starten häufig in kleinen Nischen.

Sie wirken anfangs oft:

  • weniger profitabel

  • technisch schwächer

  • weniger interessant für Kernkund:innen

  • gefährlich für bestehende Einnahmen

Deshalb werden sie von etablierten Unternehmen häufig unterschätzt.

Mit der Zeit verbessern sich diese neuen Modelle aber und werden auch für den Massenmarkt attraktiv.

Beispiel Kodak

Kodak zeigt, wie gefährlich das sein kann.

Digitale Fotografie begann zunächst als neue technologische Entwicklung, bedrohte aber später das Kerngeschäft mit Fotofilmen.

Kodak hielt zu lange am bestehenden Geschäftsmodell fest und reagierte zu spät auf die neue Wertlogik.

Bedeutung digitaler Märkte

Digitale Geschäftsmodelle können sich besonders schnell verbreiten, weil sie oft:

  • geringe Grenzkosten haben

  • skalierbar sind

  • Netzwerkeffekte nutzen

Wenn eine kritische Masse erreicht ist, kann das Wachstum sehr schnell zunehmen.

Dann können etablierte Anbieter in kurzer Zeit Marktanteile verlieren.

Kurzformel

Inkrementelle Innovation: verbessert Bestehendes Disruptive Innovation: verändert die Wertlogik Innovator’s Dilemma: erfolgreiche Unternehmen halten zu lange am Kerngeschäft fest Kritische Masse: ab diesem Punkt kann ein neues Modell sehr schnell wachsen

Kernidee: Digitalisierung führt oft zu inkrementeller Innovation; digitale Transformation entsteht, wenn neue Modelle die bisherige Geschäftslogik grundlegend verändern.


S-Kurve der Technologieentwicklung

Die S-Kurve beschreibt, wie sich die Leistungsfähigkeit einer Technologie im Verhältnis zum Forschungs- und Entwicklungsaufwand entwickelt.

Dabei gibt es drei Phasen:

1. Anfangsphase

Am Anfang verläuft die Kurve flach.

Das bedeutet:

  • Fortschritte sind langsam

  • Experimente sind teuer

  • die Leistungsfähigkeit ist noch gering

  • die Technologie wirkt oft noch unattraktiv

Merksatz: Neue Technologien starten oft schwach und unsicher.

2. Wachstumsphase

Mit zunehmender Reife beschleunigt sich der Fortschritt.

Die Technologie wird:

  • leistungsfähiger

  • stabiler

  • attraktiver

  • wirtschaftlich interessanter

Merksatz: Wenn eine Technologie reifer wird, kann ihre Leistung schnell steigen.

3. Plateauphase

Später erreicht die Technologie ein Plateau.

Dann sind weitere Verbesserungen zwar noch möglich, aber nur mit hohem Aufwand.

Das bedeutet:

  • die Technologie nähert sich ihrer technischen Grenze

  • zusätzlicher F&E-Aufwand bringt nur noch kleine Verbesserungen

Merksatz: Irgendwann bringt mehr Aufwand nur noch wenig zusätzliche Leistung.


Einordnung von Abbildung 9: S-Kurve der technologischen Innovation



Die Abbildung zeigt zwei S-Kurven:

  • alte Technologie

  • neue Technologie bzw. Substitutionstechnologie


  • Die alte Technologie hat bereits einen hohen Entwicklungsstand erreicht.

  • Sie nähert sich ihrer technischen Grenze.

  • Ihr technisches Potenzial wird mit Pₐ dargestellt.

Das heißt: Die alte Technologie kann noch verbessert werden, aber nur begrenzt.


Neue Technologie

  • Die neue Technologie startet zunächst auf einem niedrigeren Leistungsniveau.

  • Deshalb wirkt sie am Anfang oft weniger attraktiv.

  • Langfristig hat sie aber ein höheres technisches Potenzial.

  • Das wird mit Pₙ dargestellt.

Wichtig: Die neue Technologie ist am Anfang schwächer, kann später aber leistungsfähiger werden als die alte.

Substitution

Der entscheidende Punkt entsteht, wenn die neue Technologie die alte überholt.

Dann kann es zur Substitution kommen.

Das bedeutet:

Die neue Technologie ersetzt die alte Technologie.

Gründe dafür können sein:

  • höhere Leistungsfähigkeit

  • geringere Grenzkosten

  • besseres Nutzenversprechen

  • bessere Skalierbarkeit

Merksatz: Substitution entsteht, wenn die neue Technologie besser oder attraktiver wird als die alte.


Verbindung zum Innovator’s Dilemma

Das Innovator’s Dilemma entsteht an der Schnittstelle zweier S-Kurven.

Etablierte Unternehmen investieren weiter in die alte Technologie.

Das ist kurzfristig logisch, weil:

  • sie stabile Erträge bringt

  • sie bestehende Kund:innen zufriedenstellt

  • Prozesse und Ressourcen darauf ausgerichtet sind

Gleichzeitig entsteht aber eine neue Technologie auf einer anderen S-Kurve.

Am Anfang wirkt sie:

  • leistungsschwach

  • unsicher

  • wenig relevant für den Massenmarkt

Deshalb wird sie oft unterschätzt.


Warum ist das gefährlich?

  • Sobald die neue Technologie in die Wachstumsphase kommt, kann sie die alte schnell überholen.

  • Unternehmen, die zu lange an der alten Technologie festhalten, werden dann von der Substitution überrascht.

Beispiele:

  • Kodak

  • Nokia

  • Blockbuster

Merksatz: Das Problem ist nicht, dass etablierte Unternehmen irrational handeln. Sie optimieren oft rational das alte Geschäft, verpassen aber die neue S-Kurve.

Ambidextrie als Antwort

Eine mögliche Antwort ist organisationale Ambidextrie.

Ambidextrie bedeutet „Beidhändigkeit“.

Gemeint ist: Ein Unternehmen muss zwei Dinge gleichzeitig können.

Exploitation

Das bestehende Geschäft effizient betreiben.

Ziel:

  • Effizienz

  • Stabilität

  • Risikominimierung

  • Nutzung vorhandener Ressourcen

Exploration

Neue Geschäftsmodelle und Technologien erkunden.

Ziel:

  • Experimente

  • Lernen

  • Innovation

  • neue Wertlogiken testen

Warum braucht man oft Trennung?

Das Kerngeschäft funktioniert meist nach anderen Regeln als Innovationsbereiche.

Kerngeschäft:

  • effizient

  • planbar

  • risikoarm

Innovationsbereich:

  • experimentell

  • agil

  • fehlertolerant

  • unsicher

Deshalb werden oft eigene Strukturen geschaffen, zum Beispiel:

  • Innovationslabore

  • Corporate-Venture-Einheiten

  • Kooperationen mit Start-ups

Wichtig

Diese Innovationsbereiche dürfen aber nicht komplett isoliert sein.

Sie müssen strategisch mit dem Gesamtunternehmen verbunden bleiben.

Sonst entstehen zwei Risiken:

  • Das Kerngeschäft blockiert neue Ideen.

  • Innovationsbereiche entwickeln Lösungen ohne Bezug zur Unternehmensstrategie.


Disruption als Dauerzustand

  • In der digitalen Ökonomie ist Disruption kein einmaliges Ereignis.

  • Märkte, die heute transformiert wurden, können morgen erneut durch neue Technologien infrage gestellt werden.

  • Streaming-Plattformen haben beispielsweise CDs verdrängt, werden aber inzwischen selbst durch KI-basierte Personalisierung und Creator-Plattformen herausgefordert.

  • Unternehmen dürfen daher nicht auf einen stabilen Endzustand hoffen.

  • Digitale Transformation ist kein abgeschlossenes Projekt, sondern ein fortlaufender Prozess.

  • Disruption wird damit zur Normalität. Unternehmen müssen kontinuierlich experimentieren, sonst laufen sie Gefahr, erneut überrollt zu werden.


Kurze klausurtaugliche Zusammenfassung

Innovation kann inkrementell oder disruptiv sein. Inkrementelle Innovation verbessert bestehende Produkte, Prozesse oder Geschäftsmodelle und ist eng mit Digitalisierung verbunden. Disruptive Innovation verändert dagegen Wertlogiken und kann bestehende Geschäftsmodelle verdrängen. Christensen beschreibt Disruption als Eintritt über low-end oder new markets, wobei etablierte Unternehmen neue Anbieter oft unterschätzen. Das Innovator’s Dilemma entsteht, weil erfolgreiche Unternehmen rational in ihr Kerngeschäft investieren und neue Technologien zunächst ignorieren. Die S-Kurve zeigt, dass neue Technologien anfangs schwach wirken, später aber alte Technologien schnell substituieren können. Eine Antwort darauf ist Ambidextrie: Unternehmen müssen gleichzeitig bestehende Geschäfte effizient betreiben und neue Geschäftsmodelle erkunden. In der digitalen Ökonomie ist Disruption kein Ausnahmefall, sondern ein Dauerzustand.

Wichtige Preisstrategien digitaler Märkte

Versioning

Beim Versioning wird dasselbe Produkt in unterschiedlichen Versionen zu verschiedenen Preisen angeboten.

Beispiel:

  • Spotify Free

  • Spotify Premium

Die Grundidee ist, unterschiedliche Zahlungsbereitschaften abzuschöpfen.

Bundling

Beim Bundling werden mehrere Produkte oder Services zu einem Paketpreis kombiniert.

Beispiele:

  • Microsoft 365

  • Amazon Prime

Dadurch können Unternehmen mehrere Leistungen bündeln und Kund:innen stärker an ein Ökosystem binden.

Differential Pricing

Beim Differential Pricing zahlen unterschiedliche Kundensegmente unterschiedliche Preise, abhängig von ihrer Zahlungsbereitschaft.

Beispiele:

  • Studierendentarife

  • Regional Pricing

Dynamic Pricing

Beim Dynamic Pricing werden Preise algorithmisch in Echtzeit angepasst.

Beispiel:

  • Uber Surge Pricing

Preise verändern sich also abhängig von Nachfrage, Angebot oder anderen aktuellen Faktoren.


Werttreiber im E-Business nach Amit & Zott

Amit und Zott (2001) nennen vier zentrale Werttreiber im E-Business:

Novelty

Innovation und Neuartigkeit des Angebots.

Lock-In

Bindung von Kund:innen an ein Angebot oder Ökosystem.

Complementarities

Synergien zwischen verschiedenen Produkten, Services oder Akteuren.

Efficiency

Kostenreduktion und effizientere Abwicklung.


-> Erfolgreiche digitale Geschäftsmodelle kombinieren häufig mehrere dieser Werttreiber gleichzeitig.

-> Außerdem nutzen viele Unternehmen nicht nur ein einzelnes Erlösmodell, sondern kombinieren mehrere Erlösmechanismen.

-> Das nennt man Multi-Sided Revenue Models.

Erlösmodelle der digitalen Ökonomie

Die folgende Tabelle aus dem Studienheft zeigt zentrale Erlösmodelle digitaler Geschäftsmodelle mit Funktionsweise, Beispielen, Chancen und Herausforderungen.


Transaktionsbasiertes Erlösmodell

Hier verdient das Unternehmen an jeder vermittelten Transaktion durch eine Provision oder Gebühr.

Beispiele:

  • Airbnb

  • Uber

Chance:

  • gut skalierbar

  • Einnahmen sind direkt an die Nutzung gekoppelt

Herausforderung:

  • starke Abhängigkeit vom Transaktionsvolumen

Abonnementmodell

Beim Abonnement zahlen Kund:innen regelmäßig für kontinuierlichen Zugang.

Beispiele:

  • Netflix

  • Microsoft 365

  • Spotify

Chance:

  • planbare Einnahmen

  • hohe Kundenbindung

Herausforderung:

  • Kündigungsgefahr, also Churn

Freemium-Modell

Beim Freemium-Modell ist die Basisversion kostenlos, während Premiumfunktionen kostenpflichtig sind.

Beispiele:

  • Dropbox

  • Slack

Chance:

  • schnelle Reichweite

  • virales Wachstum

Herausforderung:

  • niedrige Conversion-Rate kann die Tragfähigkeit gefährden

Das bedeutet: Wenn zu wenige kostenlose Nutzer:innen in zahlende Kund:innen umgewandelt werden, trägt sich das Modell nicht.

Werbefinanziertes Modell

Hier ist der Service für Nutzer:innen kostenlos. Einnahmen entstehen durch zielgerichtete Werbung.

Beispiele:

  • Google

  • Meta

Chance:

  • Reichweite lässt sich direkt monetarisieren

Herausforderungen:

  • Datenschutz

  • sinkende Werbeakzeptanz

Pay-per-Use / „as a Service“

Bei diesem Modell zahlen Kund:innen nach tatsächlicher Nutzung statt für Eigentum.

Beispiele:

  • AWS im Cloud-Bereich

  • Carsharing

Chance:

  • hohe Flexibilität

  • kundenfreundlich

Herausforderungen:

  • komplexe Abrechnung

  • hohe Anforderungen an Infrastruktur

Lizenzierung

Bei der Lizenzierung werden Nutzungsrechte verkauft oder vermietet.

Beispiele:

  • SAP-Software

  • Patente

Chance:

  • stabile Einnahmen bei geringen Grenzkosten

Herausforderungen:

  • Gefahr illegaler Nutzung

  • Preisdruck

Datenbasierte Monetarisierung

Hier werden Daten genutzt oder verkauft und dadurch zur Erlösquelle.

Beispiele:

  • Telematik-Versicherung

  • Industrie-Analytics

Chance:

  • neue Wertschöpfung aus Daten

Herausforderungen:

  • Datenschutz

  • Transparenzanforderungen

Cross-Selling / Bundling

Hier wird ein günstiges oder kostenloses Hauptprodukt angeboten, während Erlöse durch Zusatzkäufe entstehen.

Beispiele:

  • Gaming mit In-App-Käufen

  • Drucker und Patronen

Chance:

  • erhöhte Kundenbindung

  • Zusatzumsätze

Herausforderung:

  • Gefahr negativer Kundenwahrnehmung durch Lock-in

Wichtige Einordnung der Erlösmodelle

Erlösmodelle sind selten exklusiv. Viele digitale Unternehmen kombinieren mehrere Mechanismen.

Beispiele:

Spotify kombiniert:

  • Freemium

  • Abonnement

Google kombiniert:

  • Werbefinanzierung

  • datenbasierte Monetarisierung

Die zentrale Herausforderung besteht darin, ein Erlösmodell zu wählen, das zur Geschäftsmodellarchitektur passt. Ein datengetriebenes Plattformmodell braucht andere Erlöslogiken als ein klassisches Produktgeschäft.

Außerdem muss das Erlösmodell langfristig tragfähig sein und nachhaltige Wettbewerbsvorteile sichern.

Kurze klausurtaugliche Zusammenfassung

Digitale Erlösmodelle beschreiben, wie digitale Geschäftsmodelle Einnahmen erzielen. Sie unterscheiden sich von traditionellen Modellen durch hohe Fixkosten, niedrige Grenzkosten, Nicht-Rivalität und Netzwerkeffekte. Dadurch werden Preisstrategien wie Versioning, Bundling, Differential Pricing und Dynamic Pricing möglich. Wichtige Erlösmodelle sind transaktionsbasierte Modelle, Abonnements, Freemium, Werbung, Pay-per-Use, Lizenzierung, datenbasierte Monetarisierung sowie Cross-Selling/Bundling. Viele digitale Unternehmen kombinieren mehrere Erlösmodelle gleichzeitig. Entscheidend ist, dass das Erlösmodell zur Geschäftsmodellarchitektur passt und langfristige Wettbewerbsvorteile ermöglicht.

Lernkontrollfragen

Aufgabe 3.1

Welche drei Kernfragen bilden die Grundlage jedes Gesch.ftsmodells nach Osterwalder & Pigneur, und wie werden sie im Business Model Canvas abgebildet?

1. Was bieten wir an? → Nutzenversprechen (im Canvas: Wertangebot).

2. Wie erzeugen wir den Nutzen? → Wertsch.pfungsarchitektur (im Canvas:

Schlüsselaktivit.ten, Schlüsselressourcen, Schlüsselpartnerschaften, Kundenbeziehungen,

Kan.le, Kundensegmente).

3. Wie verdienen wir Geld? → Erl.smodell (im Canvas: Einnahmequellen und

Kostenstruktur).



Aufgabe 3.2

Wodurch unterscheidet sich die Digitalisierung bestehender Gesch.ftsmodelle von der digitalen Transformation?

Digitalisierung:

  • Optimierung bestehender Gesch.ftsmodelle durch digitale Technologien, z. B. Effizienzsteigerung, Prozessautomatisierung, Online-Kan.le.

  • Die Logik des Gesch.ftsmodells bleibt erhalten.

Digitale Transformation:

  • Entwicklung v.llig neuer Gesch.ftsmodelle, die ohne digitale Technologien nicht m.glich w.ren. Hier wird die Wertsch.pfungslogik

selbst ver.ndert, z. B. durch Plattform.konomie oder Streaming-

Modelle.



Aufgabe 3.3

Was versteht man unter der kritischen Masse in der Plattform.konomie, und warum ist sie für den Erfolg einer Plattform entscheidend?

  • Die kritische Masse bezeichnet den Punkt, an dem genügend Nutzer auf beiden Marktseiten einer Plattform vorhanden sind, sodass Netzwerkeffekte selbstverstärkend wirken.

  • Vor Erreichen der kritischen Masse ist die Plattform unattraktiv, weil Angebot und Nachfrage zu gering sind.

  • Nach Erreichen der kritischen Masse steigen Attraktivit.t und Nutzerzahlen exponentiell, da jeder zus.tzliche Nutzer den Wert für alle erh.ht, w.hrend die Grenzkosten nahezu null bleiben.


Aufgabe 3.4

Erkl.ren Sie das Innovator’s Dilemma anhand des S-Kurven-Modells.

Das S-Kurven-Modell zeigt den typischen Verlauf technologischer Leistungsentwicklung:

Anfangs langsam, dann steil, schlie.lich abflachend.

„ Etablierte Unternehmen investieren in die bestehende Technologie, deren

Leistungsgrenze erreicht wird.

„ Neue Technologien beginnen schwach auf einer eigenen S-Kurve, erscheinen

zun.chst uninteressant, besitzen aber h.heres langfristiges Potenzial.

„ Das Innovator’s Dilemma entsteht, weil es für Incumbents rational ist, in

die bestehende Technologie zu investieren, w.hrend sie die neue zu lange

ignorieren. Sobald die neue S-Kurve in die Wachstumsphase eintritt, verdr.ngt

sie die alte.


Aufgabe 3.5

Nennen Sie drei zentrale Erl.smodelle der digitalen .konomie und erl.utern Sie jeweils ein Beispiel.

  • Abonnementmodell: Regelm..ige Zahlungen für kontinuierlichen Zugang, z. B. Netflix oder Spotify.

  • Freemium-Modell: Basisversion kostenlos, Premiumfunktionen kostenpflichtig, z. B. Dropbox.

  • Transaktionsbasiertes Modell: Provision pro Transaktion, z. B. Uber oder Airbnb.


Author

Hanna M.

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