Wer war Alfons X., wann (ca.) lebte er und warum erhielt er den Beinamen „der Weise"? Welche Rolle spielt er für die kastilische/spanische Sprache und (Schrift-)Kultur?
Wer und wann: Alfons X. („El Sabio“ / „Der Weise“) war ein kastilischer König, der im 13. Jahrhundert regierte.
Beiname „der Weise“: Er erhielt diesen Beinamen aufgrund seiner außergewöhnlichen Rolle als Kulturförderer und Gelehrter. Er trieb die Aneignung und Übersetzung des Wissens aus Al-Andalus (Recht, Geschichte, Naturwissenschaften) massiv voran.
Rolle für Sprache und Kultur: Unter seiner Herrschaft wurde die volkssprachliche Textproduktion in Spanien endgültig etabliert. Er nutzte das Kastilische gezielt, um den politischen und kulturellen Vormachtanspruch Kastiliens zu legitimieren. Unter ihm entstanden fundamentale Gesetzestexte (wie die Siete Partidas), historische Chroniken sowie die berühmte Übersetzerschule.
Nennen Sie drei auf Spanisch verfasste literarische Werke des Mittelalters, geben Sie den ungefähren Entstehungszeitpunkt an und nennen Sie, sofern bekannt, den Autor der Texte.
Cantar de Mío Cid
Entstehungszeitpunkt: um 1150 / Anfang des 13. Jahrhunderts.
Autor: Unbekannt (es ist in der Forschung umstritten, ob es auf eine mündliche Volkstradition von Spielleuten zurückgeht oder das Werk eines gelehrten Autors namens Per Abad ist).
Inhalt: Der kastilische Ritter El Cid wird ungerechtfertigt verbannt. Durch Siege gegen die Mauren erkämpft er sich Ruhm und Reichtum zurück. Als seine Töchter von ihren feigen Ehemännern misshandelt werden, nimmt er Rache und stellt die Familienehre endgültig wieder her.
Libro de buen amor
Entstehungszeitpunkt: um 1330/1340.
Autor: Juan Ruiz (der Arcipreste de Hita).
Inhalt: Ein Priester erzählt in humorvollen Episoden von seinen vielen gescheiterten Versuchen, Frauen zu verführen. Das Buch kontrastiert mit viel Ironie und Augenzwinkern die reine, göttliche Liebe (buen amor) mit der sündhaften, fleischlichen Lust (loco amor).
La Celestina
Entstehungszeitpunkt: 1499.
Autor: Fernando de Rojas.
Inhalt: Der adlige Calisto engagiert die schlaue Kupplerin Celestina, um die Liebe der unnahbaren Melibea zu gewinnen. Die Vermittlung gelingt, führt aber zur Katastrophe: Celestina wird aus Habgier von Dienern ermordet, Calisto stürzt tödlich von einer Gartenmauer, und Melibea begeht daraufhin Selbstmord.
Welche beiden (literarischen) Epochen umfasst das sogenannte Siglo de Oro, über welche Jahrhunderte erstreckt es sich und warum werden diese als „goldenes Zeitalter" bezeichnet?
Umfasste Epochen & Zeitraum: Das Siglo de Oro (bzw. im Plural Siglos de Oro) erstreckt sich über das 16. und 17. Jahrhundert und unterteilt sich in die Renaissance (Renacimiento, 16. Jh.) und den Barock (Barroco, 17. Jh.).
Warum „goldenes Zeitalter“: Der Begriff wurde ab dem 18. und 19. Jahrhundert als wertender Sammelbegriff etabliert, um den absoluten kulturellen und literarischen Höhepunkt Spaniens zu beschreiben. Da Spanien politisch-wirtschaftlich im Niedergang begriffen war, diente diese glanzvolle literarische Vergangenheit im nationalen Bewusstsein als identitätsstiftendes Vorbild einstiger Weltgeltung.
Nennen Sie drei Autoren des Siglo de Oro, geben Sie je ein Werk an und geben Sie an, welcher Textsorte die von Ihnen genannten Werke zuzuordnen sind.
Miguel de Cervantes: Don Quijote (Historia del ingenioso hidalgo Don Quijote de la Mancha) →Textsorte/Gattung: Roman (Parodie/moderner Roman).
Pedro Calderón de la Barca: La vida es sueño (Das Leben ist ein Traum) → Textsorte/Gattung: Drama (Barockdrama/comedia).
Luis de Góngora: Soledades oder Fábula de Polifemo y Galatea → Textsorte/Gattung: Lyrik (hermetische/kulteranistische Dichtung).
Der Roman hatte während des Siglo de Oro eine erste Blütezeit. Nennen Sie drei seinerzeit kultivierte Untergattungen des Romans (spanisch und deutsch!), erläutern Sie ganz kurz, worum es jeweils geht und nennen Sie je ein Beispiel.
Novela de caballerías / Ritterroman
Inhalt: Basiert auf mittelalterlichen Vorbildern; der Protagonist wird als außerordentliches Individuum ins Zentrum episodenhafter Abenteuer gestellt und verkörpert unveränderlich das absolute Prinzip des Guten in einer dualistischen Welt.
Beispiel: Amadís de Gaula (1508) von Garcí Rodríguez de Montalvo.
Novela pastoril / Schäferroman
Inhalt: Greift auf das mythologische, idyllische „Arkadien“ zurück. Anstelle heroischer Taten steht das kunstvolle Gespräch bzw. der philosophische Diskurs über Liebesglück und Liebesleid im Zentrum.
Beispiel: Los siete libros de la Diana (1559) von Jorge de Montemayor.
Novela picaresca / Schelmenroman
Inhalt: Ein radikaler Gegenentwurf zu den idealisierenden Gattungen. Ein unbedeutendes Individuum aus den Unterschichten (der Pícaro) erzählt in Form einer fiktiven Autobiographie seinen harten Lernprozess des Überlebens in einer feindlichen, von Habgier geprägten Welt.
Beispiel: Lazarillo de Tormes (1554, anonym).
Geben Sie die beiden gebräuchlichen spanischen Bezeichnungen für den Begriff Aufklärung an und nennen Sie wesentliche Charakteristika dieser geistesgeschichtlichen Epoche.
Spanische Bezeichnungen: Ilustración oder Siglo de las Luces.
Wesentliche Charakteristika:
Aufklärung „von oben“: Getragen durch den aufgeklärten Absolutismus und eine kleine intellektuelle Elite (Kaufleute, Adlige, aufgeklärter Klerus), nicht vom Dritten Stand.
Gemäßigter Mittelweg (medio justo): Die spanische Aufklärung war weder revolutionär noch antikatholisch, sondern suchte ein pragmatisches, christlich-humanistisches Modell.
Vernunft und Nützlichkeit: Bekämpfung von Aberglauben, Vorurteilen und scholastischem Autoritätsglauben mittels Vernunft (razón) und Erfahrung (experiencia). Die Literatur hatte einen stark didaktischen, utilitaristischen (nützlichen) Charakter.
Institutionenbildung: Gründung von Medien (Pressewesen) und Akademien wie der Real Academia Española zur Festigung und Reinigung der Sprache.
Nennen Sie zwei spanische Autoren der Aufklärungszeit sowie den Titel je eines Werkes der von Ihnen genannten Autoren.
Benito Jerónimo Feijoo: Teatro crítico universal.
José Cadalso: Cartas marruecas. (Alternativ: Leandro Fernández de Moratín mit „El sí de las niñas“)
Geben Sie die spanische Bezeichnung für die Epoche der Romantik an und erklären Sie, inwiefern diese als Gegenbewegung zur Aufklärung beschrieben werden kann.
Spanische Bezeichnung: El Romanticismo.
Gegenbewegung zur Aufklärung: Die Romantik brach radikal mit der vernunftgesteuerten Gedankenlyrik, der Schlichtheit, den starren Regeln (wie den neoklassizistischen Einheiten im Drama) und dem Nützlichkeitsdenken der Aufklärung. An die Stelle von Ordnung und Rationalität traten ein subjektiver Gefühlskult, existentielle Verzweiflung, Weltschmerz (desengaño), absolute formale Freiheit (Polymetrie) und die totale metaphysische Auflehnung des Individuums gegen bürgerliche und gesellschaftliche Konventionen.
Nennen Sie zwei spanische Autoren der Romantik sowie den Titel je eines Werkes der von Ihnen genannten Autoren.
José de Espronceda: La canción del pirata (oder El estudiante de Salamanca).
Gustavo Adolfo Bécquer: Rimas (oder Leyendas). (Alternativ: Enrique Gil y Carrasco mit „El señor de Bembibre“)
Welche literarische Gattung ist während des Realismus/Naturalismus in Spanien dominant?
Der Roman (la novela) wird im letzten Drittel des 19. Jahrhunderts zur absolut dominierenden Gattung in Spanien.
Nennen Sie zwei spanische Autoren, die dem Realismus oder Naturalismus zuzuordnen sind, sowie den Titel je eines Werkes der von Ihnen genannten Autoren.
Leopoldo Alas (Clarín): La Regenta.
Benito Pérez Galdós: Fortunata y Jacinta. (Alternativ: Emilia Pardo Bazán mit „La cuestión palpitante“)
Nennen Sie die zwei Tendenzen des realistischen Romans und grenzen Sie diese mit Hilfe von je zwei Merkmalen voneinander ab.
Kostumbristischer / Traditionalistischer Realismus:
Merkmal 1: Zeichnet die spanische Lebenswelt aus einer harmonisierenden, positiven und bewahrenden Perspektive (Traditionen gelten als erhaltenswert).
Merkmal 2: Konstruiert oft das unverdorbene Landleben als moralisch gut und kontrastiert es negativ mit der modernen Großstadt.
(Vertreter: Alarcón, Pereda)
Kritischer / Progressiver Realismus:
Merkmal 1: Steht politisch dem liberalen Fortschrittsdenken nahe und übt scharfe Ideologiekritik an verkrusteten gesellschaftlichen Traditionen und der Dominanz der Kirche.
Merkmal 2: Rückt die Realität des urbanen Raums (Großstadt) und die psychologische sowie soziale Lebenswelt des Bürgertums ins Zentrum.
(Vertreter: Galdós, Clarín)
Nennen Sie ein paar wesentliche Gemeinsamkeiten und Unterschiede zwischen realistischer und naturalistischer Literatur.
Gemeinsamkeiten: Beide Richtungen teilen das realistische Grundprinzip: Sie brechen mit romantischer Schönfärberei, dokumentieren exakt und detailreich die zeitgenössische, alltägliche Lebenswelt und sind formal meist relativ kohärent strukturiert.
Unterschiede: Der Realismus versteht sich als beobachtendes und oft kritisches Medium zur Darstellung gesellschaftlicher Missstände. Der Naturalismus hingegen versteht das Schreiben als naturwissenschaftliches Experiment. Er basiert auf dem Prinzip des Determinismus – der Annahme, dass das menschliche Verhalten und Scheitern absolut durch Erbanlagen, das soziale Milieu und historische Umstände vorbestimmt ist.
Zwei sehr bekannte Generationen der spanischen Literatur sind die Generación del 98 und die Generación del 27. Erklären Sie, auf welche Ereignisse die in diesen Epochenbegriffen enthaltenen Jahreszahlen verweisen und Sie nennen Sie je ein „Mitglied".
Generación del 98:
Ereignis: Verweist auf das Jahr des „Desasters“ (El Desastre) – den Verlust der letzten spanischen Überseekolonien (Kuba, Puerto Rico, Philippinen) im Spanisch-Amerikanischen Krieg, was eine tiefe nationale Identitäts- und Staatskrise auslöste.
Mitglied: Miguel de Unamuno (oder Azorín, Pío Baroja).
Generación del 27:
Ereignis: Verweist auf den 300. Todestag des barocken Dichters Luis de Góngora. Die jungen Dichter veranstalteten zu seinen Ehren eine Gedenkrede, die als ästhetisches Gründungsmanifest der Gruppe galt.
Mitglied: Federico García Lorca (oder Rafael Alberti).
Nennen Sie wesentliche die in Frage 14 genannten Generationen charakterisierende Aspekte (→Stenzel 2010: 244).
Generación del 98: Geprägt von der Krise der Jahrhundertwende. Sie befasst sich intensiv mit dem philosophisch-politischen „Spanienproblem“, sucht den kern der spanischen Identität in der kastilischen Landschaft und bricht mit dem reinen Realismus (z. B. Unamunos nivolas). Typisch für ihre Figuren ist das literarische Motiv der Abulia(Willenlosigkeit/Tatlosigkeit).
Generación del 27: Bildet eine absolute Blütezeit der Lyrik vor dem Bürgerkrieg (Edad de Plata). Sie bewegt sich im avantgardistischen Spannungsfeld zwischen autonomem Ästhetizismus bzw. abstrakter, unpersönlicher Dichtung (poesía pura / deshumanización) in den 1920er Jahren und einer radikalen gesellschaftlichen Politisierung bzw. engagierten Dichtung (poesía impura / rehumanización) in den 1930er Jahren.
Nennen Sie zwei Hauptanliegen der spanischen Exilliteratur und geben Sie den Namen eines Exilautors an. Wann (in welchem Zeitraum) und warum kam es zu dieser Literatur?
Wann und Warum: Es kam zu dieser Literatur ab 1939 infolge des Sieges von General Franco im Spanischen Bürgerkrieg, welcher die hergebrachte Kulturlandschaft zerschlug und Intellektuelle zur Flucht zwang.
Zwei Hauptanliegen:
Die Kontinuität einer freien, demokratischen spanischen Kulturtradition im Ausland aufrechtzuerhalten und sich als das „bessere Spanien“ zu repräsentieren.
Die literarische Aufarbeitung des Kriegstraumas und des schmerzhaften Verlusts der Heimat aus republikanischer Sicht.
Exilautor: Max Aub (oder Ramón José Sender, Rafael Alberti).
Definieren Sie den Begriff der novela existencial und nennen Sie einen Autor plus Werk. Wann (ca.) erlebte dieses Subgenre des Romans seinen Höhepunkt in Spanien?
Definition: Ein Subgenre des Nachkriegsromans, das aufgrund der strengen Zensur politische Themen komplett ausklammerte und sich stattdessen radikal auf das existentielle Elend, die Kommunikationslosigkeit, die Sinnleere des Daseins sowie die gescheiterten Ausbruchsversuche des Einzelnen in einer grausamen, abstumpfenden Umwelt konzentrierte. Oft ging dies mit dem Tremendismo (schockierende Darstellung elender Realität) einher.
Autor & Werk: Camilo José Cela mit La familia de Pascual Duarte (oder Carmen Laforet mit Nada).
Höhepunkt: In den 1940er Jahren.
Erläutern Sie drei grundlegende Veränderungen infolge des Endes der Diktatur Francos, welche die Literaturgeschichtsschreibung zu berücksichtigen hat.
Abschaffung der Zensur: Die Verankerung der Meinungsfreiheit in der neuen Verfassung erlaubte erstmals den Druck und die Aufführung zuvor verbotener oder nur im Exil erschienener Meisterwerke im Inland.
Pluralismus der Regionalsprachen (Viersprachigkeit): Die rechtliche Anerkennung und der Schutz von Katalanisch, Galicisch und Baskisch führten dazu, dass spanische Literatur seither gleichberechtigt und lebendig in vier Sprachen existiert.
Kommerzialisierung und Vermarktung: Die Transformation des Literaturbetriebs in ein neoliberales Marktsystem, in dem Großverlage Literatur über kommerzielle Preise (z. B. Premio Planeta) steuern und Autoren wie Medien-Popstars vermarkten. Dezentralisierung der Autoren als politische Moralinstanz hin zu Marktteilnehmern.
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