Welche zentrale Frage untersucht Mechanic (1962)?
Mechanic fragt:
Wie können Organisationsmitglieder in formal niedrigen Positionen Macht ausüben, obwohl ihnen formale Autorität/Macht fehlt?
„Lower participants“ können also informelle bzw. persönliche Macht besitzen, obwohl ihre formale Position ihnen wenig Autorität verleiht. Diese Macht entsteht nicht nur aus persönlichen Eigenschaften, sondern insbesondere aus ihrer Position innerhalb der Organisation.
Was ist Mechanic zufolge die zentrale Grundlage der Macht von „lower participants“?
Macht entsteht durch Abhängigkeit.
Eine Person gewinnt Macht, wenn andere von ihr abhängig werden.
Das geschieht insbesondere durch Kontrolle des Zugangs zu:
Personen
Informationen
Instrumentalitäten/Ressourcen
Je stärker und wichtiger diese kontrollierten Zugänge sind, desto größer kann die Macht sein.
Merksatz:
Kontrolle über Zugang → Abhängigkeit → Macht
Was besagen H1 und H2 bei Mechanic?
H1: Je größer der Zugang zu Personen, Informationen und Ressourcen, desto größer die organisationale Macht.
H2: Je länger eine Person in einer Organisation ist, desto größer wird ihr Zugang zu Personen, Informationen und Ressourcen.
➡️ Längere Organisationszugehörigkeit kann somit indirekt die Macht erhöhen:
Zeit in Organisation ↑ → Zugang ↑ → Macht ↑
Mechanic illustriert das u. a. mit Webers Bürokratie: Langjährige, formal niedriger gestellte Bürokraten können gegenüber neuen, formal höhergestellten Personen einen Wissens- und Erfahrungsvorsprung besitzen.
Welche Rolle spielen Expertenwissen und Ersetzbarkeit für Macht?
H3: Je mehr relevantes Expertenwissen eine niedriger gestellte Person besitzt, das höhergestellten Personen fehlt, desto mehr Macht kann sie über diese besitzen.
H4: Je schwieriger eine Person zu ersetzen ist, desto größer ihre Macht.
H5: Experten sind schwieriger zu ersetzen als Nicht-Experten.
➡️ Zusammenhang:
Expertenwissen ↑ → Ersetzbarkeit ↓ → Abhängigkeit anderer ↑ → Macht ↑
Wie beeinflussen Aufwand und Interesse die Macht niedriger gestellter Organisationsmitglieder?
H6: Je mehr Aufwand/Einsatz eine Person in einem Bereich zu leisten bereit ist, desto mehr Macht kann sie dort gewinnen.
H7: Je weniger Aufwand und Interesse höhergestellte Personen für eine Aufgabe aufbringen, desto eher gewinnen niedriger gestellte Personen Macht über diesen Bereich.
➡️ Höhergestellte delegieren Aufgaben, weil sie selbst Zeit und Aufwand sparen wollen. Dadurch entstehen jedoch Handlungsspielräume und Abhängigkeiten.
Desinteresse oben → Handlungsspielraum unten → Macht unten
Welche Rolle spielt Attraktivität bei Mechanic?
H8: Je attraktiver bzw. sympathischer eine Person wahrgenommen wird, desto eher erhält sie Zugang zu anderen Personen und kann Einfluss auf diese ausüben.
Aber auch hier bleibt Abhängigkeit entscheidend: Relevant ist die Beziehung, wenn beispielsweise Anerkennung oder Zuneigung der anderen Person einen Wert besitz
Warum erzeugt eine zentrale Position in der Organisation Macht?
H9: Je zentraler die Position einer Person in der Organisation ist, desto größer ist ihr Zugang zu:
Ressourcen.
➡️ Dadurch kann auch eine formal niedriggestellte Person erhebliche Macht besitzen.
Beispiel: Eine Sekretärin der Organisationsleitung besitzt vielleicht wenig formale Autorität, kontrolliert aber Termine und damit teilweise den Zugang zur Führungskraft.
Welche Faktoren erklären nach Mechanic die Macht niedriger gestellter Organisationsmitglieder?
H1: Zugang ↑ → Macht ↑
H2: Zeit in Organisation ↑ → Zugang ↑
H3: Expertenwissen ↑ → Macht ↑
H4: Schwierige Ersetzbarkeit ↑ → Macht ↑
H5: Expertenwissen ↑ → schwierige Ersetzbarkeit ↑
H6: eigener Aufwand ↑ → Macht ↑
H7: Aufwand/Interesse Höhergestellter ↓ → Macht niedriger Gestellter ↑
H8: Attraktivität ↑ → Zugang/Kontrolle ↑
H9: Zentralität ↑ → Zugang ↑
Wie hängen die einzelnen Hypothesen Mechanics zusammen?
Die verschiedenen Faktoren sind letztlich Wege zur Erzeugung von Abhängigkeit.
Zum Beispiel:
lange Organisationszugehörigkeit → mehr Wissen/Zugang → andere werden abhängig → Macht
Expertenwissen → geringe Ersetzbarkeit → Abhängigkeit → Macht
zentrale Position → Kontrolle über Informationen/Personen → Abhängigkeit → Macht
Delegation/Desinteresse der Vorgesetzten → Handlungsspielraum niedriger Gestellter → Abhängigkeit → Macht
➡️ Die formale Hierarchie allein erklärt die tatsächliche Machtverteilung einer Organisation nicht.
Mechanic formuliert den Kern selbst entsprechend: Entscheidend für lower participants ist die Kontrolle des Zugangs zu Personen, Informationen und Ressourcen, weil dadurch höhergestellte Personen abhängig werden.
Wie geht Mechanic (1962) methodisch vor?
Mechanic führt keine eigene empirische Untersuchung durch.
Er entwickelt auf Grundlage:
bestehender Literatur,
theoretischer Überlegungen und
verschiedener Beispiele
eine Reihe von Hypothesen über organisationale Macht.
Dabei vereinfacht er organisationale Prozesse bewusst und betrachtet Beziehungen zwischen jeweils einzelnen Variablen unter der Annahme:
„all other factors remaining constant“ – ceteris paribus.
Wie wurde Mechanic (1962) im Seminar kritisch gewürdigt?
+ Positiv:
Generalisierbarkeit durch Simplifizierung
Entwicklung allgemeiner Hypothesen über Macht
eröffnet einen neuen Zugang zur Macht in Organisationen: Macht wird nicht einfach mit formaler Hierarchie gleichgesetzt.
− Negativ:
keine eigene empirische Untersuchung
methodisches Vorgehen bleibt unklar
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