Was ist das WHO-Stufenschema?
Das WHO-Stufenschema ist ein Konzept zur stufenweisen medikamentösen Behandlung von Schmerzen. Ursprünglich wurde es für die Tumorschmerztherapie entwickelt und wird heute als Orientierung auch bei anderen Schmerzformen genutzt.
Welches Grundprinzip verfolgt das WHO-Stufenschema?
Die Schmerztherapie wird entsprechend der Schmerzintensität schrittweise angepasst. Bei unzureichender Wirkung wird auf die nächste Stufe eskaliert.
Welche vier Grundprinzipien werden häufig mit der WHO-Schmerztherapie verbunden?
By mouth: möglichst orale Gabe
By the clock: regelmäßige Gabe nach festem Zeitplan
By the ladder: stufenweise Anpassung
For the individual: individuelle Anpassung an den Patienten
Welche Medikamente werden in der WHO-Stufe 1 eingesetzt?
Nichtopioid-Analgetika, insbesondere:
Paracetamol
Metamizol
NSAR, z. B. Ibuprofen, Diclofenac
Bei welcher Schmerzintensität wird WHO-Stufe 1 eingesetzt?
Vor allem bei leichten Schmerzen.
Welche wichtigen Wirkungen haben NSAR?
NSAR wirken analgetisch, antiphlogistisch und antipyretisch. Sie hemmen die Cyclooxygenase und dadurch die Prostaglandinsynthese.
Welche wichtigen Nebenwirkungen können NSAR verursachen?
Magen-Darm-Beschwerden und Ulzera
gastrointestinale Blutungen
Nierenschädigung
Flüssigkeitsretention/Ödeme
Blutdruckanstieg
erhöhtes kardiovaskuläres Risiko
Was muss die Pflege bei einer Therapie mit NSAR besonders beobachten?
Blutungszeichen
Bauchschmerzen und Teerstuhl
Nierenfunktion bzw. Ausscheidung
Ödeme und Gewicht
Blutdruck
mögliche Wechselwirkungen
Welche Besonderheit hat Metamizol?
Metamizol ist ein stark wirksames Nichtopioid-Analgetikum mit analgetischer, antipyretischer und spasmolytischer Wirkung.
Welche schwerwiegende Nebenwirkung ist bei Metamizol besonders wichtig?
Die seltene, aber potenziell lebensbedrohliche Agranulozytose.
Welche Symptome können auf eine Agranulozytose unter Metamizol hinweisen?
Insbesondere:
Fieber
Halsschmerzen
Entzündungen im Mund-Rachen-Bereich
allgemeines Krankheitsgefühl
Bei Verdacht ist eine sofortige ärztliche Abklärung erforderlich.
Welche Medikamente werden klassischerweise in WHO-Stufe 2 eingesetzt?
Schwache Opioide in Kombination mit einem Nichtopioid-Analgetikum, z. B. Tramadol oder Tilidin/Naloxon.
: Bei welcher Schmerzintensität wird WHO-Stufe 2 eingesetzt?
Klassischerweise bei mittelstarken Schmerzen, wenn ein Nichtopioid allein nicht ausreichend wirkt.
Warum werden in Stufe 2 Opioide häufig mit Nichtopioiden kombiniert?
Durch unterschiedliche Wirkmechanismen kann eine additive bzw. synergistische analgetische Wirkung erreicht werden. Dadurch kann die benötigte Opioiddosis reduziert werden.
Welche typischen Nebenwirkungen haben Opioide der WHO-Stufe 2?
Übelkeit und Erbrechen
Obstipation
Müdigkeit/Sedierung
Schwindel
Atemdepression
Abhängigkeitspotenzial
Welche Nebenwirkung muss bei Opioiden besonders sorgfältig überwacht werden?
: Die Atemdepression. Besonders gefährdet sind Patienten bei Überdosierung oder Kombination mit anderen sedierenden Substanzen.
Welche weitere typische Opioid-Nebenwirkung sollte prophylaktisch berücksichtigt werden?
Obstipation. Bei einer längerfristigen Opioidtherapie ist häufig eine prophylaktische Behandlung mit einem Laxans erforderlich.
Welche Medikamente werden in WHO-Stufe 3 eingesetzt?
Starke Opioide, gegebenenfalls kombiniert mit einem Nichtopioid-Analgetikum.
Beispiele:
Morphin
Oxycodon
Hydromorphon
Fentanyl
Buprenorphin
Bei welcher Schmerzintensität wird WHO-Stufe 3 eingesetzt?
: Bei starken bis sehr starken Schmerzen, insbesondere wenn die vorherige Stufe keine ausreichende Schmerzlinderung erzielt.
Was ist der wichtigste Unterschied zwischen Stufe 2 und Stufe 3?
Stufe 2 verwendet schwache Opioide, Stufe 3 starke Opioide.
Welche typischen Nebenwirkungen treten bei starken Opioiden auf?Antwort:
Sedierung und Müdigkeit
Übelkeit/Erbrechen
Harnverhalt
Juckreiz
Blutdruckabfall
Bewusstseinsstörungen
Welche Vitalparameter sind bei einer Opioidtherapie besonders relevant?
Atemfrequenz
Sauerstoffsättigung
Bewusstseinslage/Sedierungsgrad
Puls
Was ist bei einer deutlichen Atemdepression unter Opioiden zu tun?
Sofortige Reaktion: Patient beobachten und sichern, ärztliche Hilfe bzw. Notfallmaßnahmen einleiten und nach ärztlicher Anordnung bzw. Notfallstandard einen Opioidantagonisten wie Naloxon einsetzen.
Was wird unter der modernen WHO-Stufe 4 verstanden?
Bei unzureichender Kontrolle trotz medikamentöser Therapie können interventionelle bzw. invasive Verfahren eingesetzt werden, z. B.:
Regionalanästhesieverfahren
Nervenblockaden
epidurale/intrathekale Verfahren
Schmerzpumpen
neuroablative Verfahren in ausgewählten Fällen
Wann kommt eine interventionelle Schmerztherapie infrage?
Wenn Schmerzen trotz angemessener medikamentöser Therapie nicht ausreichend kontrolliert werden oder die Nebenwirkungen der Medikamente nicht akzeptabel sind.
Muss bei starken Schmerzen immer mit WHO-Stufe 1 begonnen werden?
Nein. Das klassische Stufenmodell darf nicht dazu führen, dass Patienten mit starken Schmerzen unnötig lange auf eine ausreichende Analgesie warten. Die Therapie muss sich an Schmerzintensität, Ursache, Situation und individuellen Bedürfnissen orientieren.
Was bedeutet „by the clock“ bei der WHO-Schmerztherapie?
Analgetika sollen bei entsprechender Indikation regelmäßig nach einem festen Zeitplan gegeben werden, statt ausschließlich bei bereits stark aufgetretenen Schmerzen.
Was bedeutet „by the mouth“?
Wenn möglich, soll die orale Medikamentengabe bevorzugt werden. Andere Applikationsformen werden eingesetzt, wenn die orale Gabe nicht möglich oder nicht sinnvoll ist.
Was bedeutet „for the individual“?
Die Schmerztherapie wird individuell an den Patienten angepasst, z. B. an Schmerzart, Schmerzintensität, Alter, Begleiterkrankungen, Nieren- und Leberfunktion sowie bisherige Schmerztherapie.
Was ist bei der Umstellung von einem Opioid auf ein anderes zu beachten?
Die Wirkstärken der Opioide sind unterschiedlich. Bei einer Umstellung muss daher die Opioid-Äquivalenz berücksichtigt werden. Zusätzlich sind individuelle Faktoren und eine mögliche unvollständige Kreuztoleranz zu beachten.
Was ist der Unterschied zwischen Dauermedikation und Bedarfsmedikation bei Schmerzen?
Dauermedikation: dient der kontinuierlichen Kontrolle von Dauerschmerzen.Bedarfsmedikation: wird bei Schmerzspitzen zusätzlich eingesetzt.
Was ist eine Schmerzspitze bzw. ein Durchbruchschmerz?
Eine vorübergehende starke Schmerzverstärkung trotz grundsätzlich wirksamer Basistherapie. Sie kann eine zusätzliche Bedarfsmedikation erforderlich machen.
Welche nichtmedikamentösen Maßnahmen können eine medikamentöse Schmerztherapie ergänzen?
Je nach Ursache beispielsweise:
Wärme oder Kälte
Lagerung
Ruhe und Entspannung
Bewegung
Massage
Ablenkung
Atem- und Entspannungsverfahren
Physiotherapie
psychologische Unterstützung
Was muss die Pflege bei jeder Schmerztherapie regelmäßig evaluieren?
Schmerzintensität
Schmerzqualität und -lokalisation
Wirkung der Analgesie
Nebenwirkungen
Funktion und Mobilität
Schlaf und Lebensqualität
ggf. Sedierung und Vitalzeichen
Bedarf an weiterer Anpass
Welche Schmerzskalen können in der Pflege verwendet werden?
NRS (Numerische Rating-Skala)
VAS (Visuelle Analogskala)
VRS (Verbale Rating-Skala)
KUSS (Kindliche Unbehagen und Schmerzskala)
Warum reicht es nicht aus, nur die Schmerzstärke zu dokumentieren?
Eine vollständige Schmerzeinschätzung berücksichtigt auch Lokalisation, Qualität, Dauer, Auslöser, Begleitsymptome, Auswirkungen auf Alltag und Funktion sowie Wirkung und Nebenwirkungen der Therapie.
Welche wichtige Prüfungsfalle gibt es beim WHO-Stufenschema?
Das WHO-Stufenschema ist kein starres Schema, bei dem jeder Patient zwingend Stufe 1 → 2 → 3 durchlaufen muss. Entscheidend ist eine individuelle, ausreichend schnelle und wirksame Schmerztherapie.
Warum ist die Kombination verschiedener Analgetika sinnvoll?
Durch die Kombination verschiedener Wirkmechanismen kann eine bessere Analgesie erreicht und teilweise die Dosis einzelner Medikamente reduziert werden. Dadurch können Nebenwirkungen begrenzt werden.
Welche Medikamente können bei neuropathischen Schmerzen zusätzlich eingesetzt werden?
Je nach Situation beispielsweise Antidepressiva oder Antikonvulsiva. Diese gehören nicht einfach als klassische „Stufe“ in das WHO-Stufenschema, sondern werden als Koanalgetika bzw. Adjuvanzien eingesetzt.
Was ist die wichtigste pflegerische Aufgabe bei der Schmerztherapie?
: Schmerzen systematisch erfassen, Medikamente sicher verabreichen, Wirkung und Nebenwirkungen beobachten, Maßnahmen evaluieren, dokumentieren und bei unzureichender Wirkung oder Komplikationen rechtzeitig reagieren.
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